Die Rückkehr. 4 Länder in 3 Tagen


Am 7.12. musste ich das Camp von Ras Sheiton verlassen, um stressfrei meinen Flug von Tel Aviv am 9.12. um 6 Uhr früh zu erwischen. Dennoch wurde die Rückkehr zu einer Durchhalte-Rallye, die sich von Station zu Station auf meinem Gemüt bemerkbar machte.

Es war schwer genug, das endlich erreichte, schwer erarbeitete Paradies zu verlassen. Maja und Adi brachten mich zum Bus, der um ca. 15.30h am Camp vorbeifuhr und mich nach Taba bringen sollte. Da ich kein Geld mehr hatte, und der Bankautomat in Nuweiba gewesen wäre, halfen mir Maja und Adi mit 50 Pfund aus. Maja wollte noch ein paar Tage bleiben; Adi würde bald nach Kairo zurückkehren. So stieg ich in den Reisebus und sog die letzte ägyptische Sonne, wie sie ihr Licht auf die Berge des Sinai warf, in mich auf, als würde ich sie auf diese Weise mitnehmen können, und müsste sie nicht verlassen. Von der rechten Seite spiegelte mir das Rote Meer entgegen, und mir war klar, dass es solche besonderen Orte nicht allzu oft auf der Erde gibt.

Nach einer gefühlten Stunde kam ich wieder in Taba, der Grenzstadt, an. Wieder musste ich den Kilometer von der Steuerzahlstelle bis zum Grenzübergang laufen. Bei der Ausreise bestand eine lustige Gebühr von 2 Pfund (ca. 24 cent), die ich an einen Mann auf Klappstuhl an Klapptisch zahlte, der kein Englisch konnte. Dann ging es wieder zum Grenzparcour. Die Einreise nach Israel ging überraschenderweise sehr schnell und problemlos. Dann fand ich mich an einer unbeschrifteten Bushaltestelle wieder, und kein Bus hielt für mich. Ich beschloß, einfach ein Taxi zu nehmen – ich war müde und sentimental. Ein netter Taxifahrer nahm mich mit und unterhielt sich ein wenig mit mir, ließ mich Geld abheben, und setzte mich an der Central Bus Station ab. Der nächste Bus nach Tel Aviv fuhr um 19 Uhr, und die Fahrt würde wahrscheinlich 5 Stunden dauern. Ich machte mich auf die Suche nach einem Internetcafé, aber erfolglos. Der Kulturschock, den ich erfuhr, war unglaublich. Ich fühlte mich verloren in dieser großen, menschlich kalten, kommerziellen Stadt, wo keiner mir helfen wollte und konnte, ein simples Internetcafé zu finden. Ich aß ein Stück Pizza, setzte mich auf eine Bank an einem Parkplatz und wartete meine Zeit ab. Ich schaltete mein Telefon ein und schrieb meinem ersten Host Doriel eine SMS, ob er mich für heute Nacht bei sich aufnehmen könnte. Er antwortete: Of course!

Endlich war die Zeit gekommen und ich stieg in den Bus nach Tel Aviv. Ich ergatterte einen Platz am Fenster, wieder war ich umgeben von Soldaten. Ich versuchte zu schlafen, aber vergebens – einige Stunden fuhr ich einfach nur so vor mich hin, betrachtete die Wüstenlandschaft, faszinierte mich an der Tatsache, dass sie im Mondschein tatsächlich aussah wie von Puderzucker übersät. Ob ich irgendwann schlief oder nicht, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich irgendwann in Tel Aviv ankam. Ich war mittlerweile wahnsinnig müde, und hatte keine Kraft dem Taxifahrer zu erklären, dass 30 Shekel für 5 Minuten Taxifahrt einfach viel zu viel sind. Mit letzter Kraft trat ich in die Wohnung, wo ich Doriel und Benjy antraf, beide etwas ‘lustig drauf’. Ich schaute ein bisschen mit ihnen fern, dann verließ uns Benjy und Doriel und ich fielen ins Bett.

Ich wachte auf, als Doriel gegen Mittag zur Arbeit musste. Ich stand auf, und hängte mich ins Internet, um ein Hostel in Athen zu reservieren, da ich dort eine Nacht verbringen würde. Nach einer Weile holte ich etwas zu essen aus dem Supermarkt. Dann schlief ich noch zwei Mal: das letzte Mal weckte mich Doriel auf, als er von der Arbeit kam, gegen 2 Uhr nachts. Nun musste ich mich beeilen: Mein Zug zum Flughafen  fuhr um 2.41 von der Avidor Station. Plötzlich fand ich mich auf der Straße wieder, mit gerade mal 27,5 Shekel: Kein Taxifahrer wollte mich zu diesem Preis mitnehmen, und außerdem musste ich noch das Zugticket für 14,5 Shekel kaufen. Es sah nicht gut aus, wären da nicht zwei Mädels gewesen, die meine Diskussion mit einem Taxifahrer mitbekommen hätten. Eine von ihnen kam zu mir, ließ sich schnell die Situation erklären, gab mir 20 Shekel und erklärte dem Taxifahrer alles, selbst, dass er nett zu mir sein sollte. Das war nun die zweite Station, an der man mir Geld für meinen Heimweg schenkte. Als ich mich bedankte und einstieg, war es bereits kurz vor halb 3. Ich schnallte mich an und bat ihn, Vollgas zu geben. Währenddessen zählte ich mein Geld und gestand dem Fahrer, dass ich statt den versprochenen 40 Shekel nur 33 zahlen konnte, da ich noch Geld für den Zug bräuchte. Er war glücklicherweise einverstanden, und hielt um 2.37h am Eingang des Bahnhofs. Nochmal Glück hatte ich bei der Security – er wollte meinen Rucksack nicht öffnen und darin ewig herumstochern. Ich schnappte meinen Rucksack, rannte zum Schalter, schmiss die abgezählten 14 1/2 Shekel vor die Nase der Frau und sagte nur “Ben Gurion”. Sie gab mir mein Ticket, ich steckte es in das Drehkreuz, blieb beinahe hängen, rannte zum Zug, der gerade einfuhr, und stieg ein.

Am Flughafen wurde meine Geduld wieder auf die Probe gestellt. Wie immer folgende Prozedur: Anstehen, ausgefragt werden: “what is the purpose of your visit in Israel?” “Did you pack your bags on your own?” Ich dachte, ich könnte etwas mit meinem Hebräisch auftrumpfen, aber Fehlanzeige: Nachdem ich von einer weiteren Person erneut ausgefragt wurde, bekam ich doch wieder meinen Terroristensticker, wahrscheinlich, weil ich in Ägypten war. Mit Neid betrachtete ich den Businessman, der sogar in Jordanien war, und trotzdem direkt zum Check In durfte. Aber nicht aufregen… Nun wurde mein Rucksack geröntgt, woraufhin man das übliche sagte: “Needs to be inspected”. Danach kommt die nächste Schlange am Inspektionstisch. Nach ca. einer halben Stunde werde ich an eine Seite des Tisches gebeten, mein Rucksack sowie meine Handtasche werden komplett entleert und mit diesem blauen Detektorlöffel abgerieben. Nachdem ich meine Sachen wieder einräumen durfte, der nächste Schritt: das Mädel bringt mich zu einem speziellen Inspektionsraum, wo ich in einer Art Kabine meine Jacke und Schal in eine Kiste lege, und sie mich von oben bis unten absucht und detektiert. Selbst meine stinkenden Socken werden untersucht. Als wir dann wieder zurück am Tisch waren, bin ich mal wieder fast die letzte. Nun sind es bereits 3 Personen, die sich meinem Fall angenommen haben. Erneut werden mir alle Fragen gestellt, bevor man mich aufklärt: “We have an indication about your jacket”. Na da liegt der Hund also begraben, meine Jacke ist möglicherweise explosiv.  Ich musste das Ding als in eine extra Box packen lassen und mit zur Gepäckaufgabe geben. Besser gesagt, ich musste es in einen speziellen Aufzug stellen.

Nun war es bereits 5.00Uhr und ich musste noch zu meinem Terminal laufen. Schnell rauchte ich noch eine letzte geschnorrte Zigarette in der Raucherbox und begab mich dann zu meinem Gate. Wir warteten draußen in einem Bus in aller Morgenkälte, aber es war ok, es war ja nicht so, als hätte man mir meine Jacke weggenommen. Irgendwann war ich dann aber doch im Flugzeug und hatte natürlich, aufgrund des späten Check In, einen fantastischen Mittelplatz ergattert. Ich saß also kauernd zwischen zwei älteren griechischen Herren, mit dem einzigen, nicht erfüllbaren Wunsch, zu schlafen.

Nachdem ich das Frühstück verschlungen hatte, und eine halbe Stunde lang hungrig das Frühstück meines Nachbarn angestarrt hatte, der nur die zwei kleinen Würste gegessen hatte und dann eingeschlafen war, gab ich das Schlafen auf und wartete auf die Landung. Witzig fand ich auch, dass ich auf dem Flug einer griechischen Airline von Tel Aviv nach Athen deutsche Milram Kaffeesahne in meinen Kaffee schüttete. Wie auch immer- nach der ersehnten Landung dann der Kauf des Metrotickets und die 45-minütige Fahrt zu Monastiraki Station. Ich erreichte das wirklich sehr nah gelegene Hotel Fivos um kurz vor 10 Uhr, gerade rechtzeitig für das Frühstück. Witzigerweise schien jede Person an diesem Frühstück spanisch zu sprechen: Ich traf auf einen Mexikaner und drei Spanierinnen. Ich verschlang die Toasts mit Marmelade und den Kaffee und unterhielt mich mit den Mädels über Don Quijote, denn sie kamen aus La Mancha. Dann übermannte mich endgültig die Müdigkeit und ich haute mich in mein noch leeres Dreibettzimmer.

Wenn ich zurückdenke, habe ich dann doch nicht viel geschlafen; denn nachdem ich aufwachte ging ich eine halbe Stunde ins Internet und stand dann gegen 13.30h vor der Akropolis, wo man mir sagte, sie würde um 14.30 schließen und 12€ kosten. Ich vergaß die blöde Akropolis und suchte meinen Weg zurück zu den kleinen Gässchen, die mir das erste Mal so gefallen hatten. Auf dem Weg kam ich an vielen Geschäften vorbei, die wirklich tolle Dinge zu verkaufen hatten: Ich kaufte Geschenke und Mitbringsel. Danach durchstreifte ich erneut die kleinen weißen Gässchen mit den Kätzchen und bunten Wandgemälden. Erneut stieg ich hinauf zum Aussichtspunkt und machte diesmal einige brauchbare Fotos. Auf dem Rückweg erstand ich auf dem Flohmarkt eine griechische Tasche für 10€. Dann wurde mir schlagartig bewusst, dass all mein Geld verbraucht, und auch meine Kreditkarte leergefegt war.  Deprimiert, nicht noch mehr tolle Sachen kaufen zu können, ging ich zurück zum Hostel. Gegen später kam meine Zimmergenossin herein, eine Französin namens Céline aus Nantes, die hier Fotos machte. Sie erzählte mir, dass sie seit einigen Tagen in Athen war und jeden Abend alleine ausginge; als ich ihr sagte dass ich nur noch 2€ übrig hatte, die ich morgen für den Bus nach Hause bräuchte, lud sie mich auf ein Bier ein. Sie führte mich ins “Exarchia” Viertel, von dem ich sofort hellauf begeistert war: Viel Graffitti, reges Nachtleben, Studenten, Autonome Zentren, Politik etc… also das Florentin, oder das Kreuzberg Athens. Wir entschieden uns spontan für eine Bar, die wir auf dem Weg entdeckten, und tranken dort ein typisches “Kaiser” Pilsener, das aus Frankfurt kommt, ich in Deutschland aber noch nie gesehen habe. Wir unterhielten uns über dies uns das, und die Bar wurde immer voller. Es war wirklich cool und alles… aber meine Müdigkeit war wirklich stärker als alles andere. Celine und ich liefen gegen Mitternacht zurück zum Hostel und ich bereitete meinen Rucksack für die Abreise vor, die letzte Hürde: Um 8.45 ging mein Flug nach Berlin, was bedeutete, ich musste um 5.30h aufstehen.

Punkt 6.30h saß ich in der Metro zum Flughafen. Ich war viel zu früh dort, und ich legte mich vor dem Gate noch einmal schlafen. Im Flugzeug hatte ich dieses Mal mehr Glück: Ich bekam einen Fensterplatz und der Platz in der Mitte blieb frei. So schaffte ich es doch, nach dem Frühstück einige Zeit zu schlafen und vor der Landung wieder aufzuwachen. Wir befanden uns in einem wunderschönen Wolkenschauspiel. Einige Zeit flogen wir direkt in einer schmalen Wolkenschicht: Oben war der blaue Himmel und unten die Stadt. Unser Pilot schien Wolken genauso zu mögen wie ich, denn es hatte den Anschein, als fliege er absichtlich durch sie durch.

Die letzte Station, die letzte Hürde lag nun direkt vor meinen Augen: Das Durchbrechen der dunkel, nasskalten Wolkenschicht, der letzte Gruß an die Sonne, bevor sie sich für lange Zeit versteckt. Apathisch und ohnmächtig betrachtete ich dieses Spiel, das sich vor meinen Augen realisierte; ohne zu blinzeln fand ich mich damit ab, dass mit dem Durchbrechen der Wolken ich durch das Tor zweier Dimensionen hindurchgehe: und dass alles, was war, nur noch ein Traum sein wird, eine Erinnerung, ein Schatz in meinen Gedanken, der langsam verblassen wird…

Ein Stück Ewigkeit

Ein Stück Ewigkeit

(english version: here)
 

“Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai. 2 Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge.” 2. Mose 19,2

Vier Tage und vier Nächte verbrachten wir im Ort Dahab. Ich freundete mich mit Mohamed an, dem Restaurantchef des Seven Heaven. Im Gegensatz zu all den Restaurants an der Strandpromenade, die die Touristen geradezu hereinziehen wollten, war das Seven Heaven Restaurant zu unserer kleinen  Oase geworden, wo man in Ruhe entspannen konnte und die Preise mehr als fair waren. Ich probierte Mohameds Omelette, den Veggie Burger, den Falafel und wir tranken uns an dem frischen Guavensaft satt. Samir, der Chef des Hauses, lud mich jeden Morgen zu Kaffee ein und begann dann, mit einen Job anzubieten: In Ras Sheiton, einem Ort in der Nähe von Nuweiba, gibt es eine Zweigstelle vom Seven Heaven: Diese sollte ich managen und bei den Israelis populär machen, um dann 50% des Gewinn zu verdienen. Dies war ein unglaubliches Angebot, und ich wollte mir den Ort gerne anschauen. Vor allem aber zeigte es mir, dass ich recht hatte: Ich brauchte keine Ausbildung, um mir meinen Traum zu erfüllen .

Am dritten Tag nahm sich Mohamed frei und wir gingen ein bisschen in den Riffen schnorcheln.  Am frühen Abend führte er mich dann in ein Restaurant, welches frischen Fisch servierte. Die Terrasse war leider geschlossen, aber wir konnten dennoch den Sonnenuntergang beobachten, wie die Sonne hinter den Bergen verschwand… Das Essen war köstlich und wir schlugen uns die Bäuche mit frischem Fisch (Red Snapper), Tahina, Humus, Salat, pikanter roter Soße, Fischsuppe und Calamari voll.

Später am Abend fand eine Party statt, zu der mich Mohamed überredete zu gehen. Da es ihm nicht erlaubt war, das Hotelgelände nach Feierabend zu betreten, trafen wir uns um 23.30h vor dem Eingang, nachdem ich in meiner Hütte ein wenig Tagebuch schreiben wollte. Maja kam nicht mit, da sie sehr müde war und bereits schlief. Als wir die Party kostenlos betraten, war ich sehr überrascht: Unter freiem Himmel, unter den Palmen, das gibt es in meiner Welt einfach nicht. Das zweite, was mir auffiel, war ein junger Mann, der an einem Tisch vor der Bar saß. Ich setze mich in die Nähe, traute mich aber nicht, ihn anzusprechen – schließlich war ich ja auch nicht alleine dort. Deswegen konzentrierte ich mich nun einfach auf das tanzen, auf die Menschen um mich herum, auf den Sternenhimmel… und irgendwie wurde ich dieses glücklichen Grinsen den ganzen Abend nicht mehr los.

Ich hatte die Party bereits zwei Mal verlassen und war wiedergekommen, bis ich mit Adi sprechen sollte. Irgendwie schien es doch wichtig. Ich unterhielt mich zuerst mit seinem Kumpel Ruben, bis Adi zu uns stieß und erzählte, dass er ein Jahr in Berlin Film studiert hatte. Beide waren Ägypter aus Kairo. Er war eigentlich nur für 2 Tage in Dahab und fuhr am nächsten Tag wieder nach “Ras Sheiton” bzw. “Ras a Satan”, wie die Israeli den Ort nennen: Der Kopf des Teufels. Ich verstand sofort die Wendung des Schicksals: Anstatt mit dem Kamel nach Abu Galoum zu reiten, wie ich es geplant hatte, würde uns Adi mit seinem Auto am nächsten Tag zu dem Ort bringen, den ich bereits von mehreren Israelis empfohlen bekommen hatte- entfernt vom Massentourismus, einfache Hütten am Strand in einem von Beduinen geführten Camp. Es war das, was wir gesucht hatte. Es war das Ziel und die letzte Station meiner Reise. Mir blieben noch 5 Tage.Adi, Cheled, Mohamed, Maja (v.l.n.r.)

Am dritten Tage des Monats Dezember verließen dann Maja und Eliane den Ort Dahab, und stiegen in das Auto von Adi, der uns und Cheled, einen weiteren verrückten Ägypter, mit nach Ras Sheiton nahm. Die Fahrt führte durch atemberaubende Fels- und Wüstenlandschaft, und es war nicht abzustreiten, dass über diesem Ort eine Magie lag, die uns Stück für Stück in eine Welt brachte, in der es keine Zeit zu geben schien. Es ist schwer, Magie auf Band zu bringen, doch vielleicht hat doch der ein oder andere genug Phantasie um zu fühlen, was in uns an diesem Tag vorging. Die Musik ist übrigens der Original-Soundtrack, da der liebe Adi mir die CD bei meiner Abreise überließ.

Kurz vor Sonnenuntergang landeten wir im Camp Ras Sheiton, wählten unsere sogenannten”Choosha”s [‘xu:ʃa] (Bambushütten) und sanken sofort in die Ruhe und Zeitlosigkeit dieses Ortes ein. Jeden Abend wurde am Feuer gesessen, Musik gespielt und geredet. Man konnte den Sonnenaufgang beobachten, im kristallklaren Wasser schwimmen oder schnorcheln gehen, sich in der Sonne wärmen, Backgammon spielen, lesen, spazieren gehen… an einem Tag wanderten wir durch die Berge und fanden farbigen Sand in verschiedenen Tönen, und das allerschönste waren die regenbogenfarbigen Sonnenuntergänge hinter den Felsbergen, während dessen die Saudi-Arabischen Berge auf der anderen Seite des roten Meeres erst blau, dann rot wurden, und dann im Nebel verschwanden. Es ist vielleicht schwer vorstellbar, aber wahr: Die Wüste Sinai eröffnete mir die wahrscheinlich schönsten Farbspiele, die ich gesehen habe.

Ich verbrachte also vier Tage und vier Nächte an diesem Ort, es schien jedoch in Wirklichkeit wie eine Ewigkeit, vielleicht Monate, vielleicht nur Wochen – und wenn man sich an einem Ort ohne Zeit aufhält, verändert es einen plötzlich innerlich. Man merkt es kaum, doch bereits nach einigen Stunden fangen die Wandlungen an, und man ist froh darüber, und man lebt wie in einem Traum, und man fragt sich, ob es nicht doch ein Traum ist, und die Realität woanders – oder ob dies die Realität ist und alles andere nur ein Schein.

Ich habe mit viele Fragen gestellt in diesen Tagen, und die Antwort war immer die gleiche: “Es ist die wärmende Sonne, es ist das rötlich-dunkle Meer, es sind die Berge im Nebel, es ist der schimmerne Mond, der die Wüste in der Nacht erscheinen lässt als sei sie von Schnee bedeckt, es ist der Tag und die Nacht, es ist das Licht, es der Wind, der Vertreibende, der Berührende, der Erfüllende, der Endlose.”

Von Mizpe Ramon nach Dahab – Entering Egypt

Von Mizpe Ramon nach Dahab – Entering Egypt

Am Dienstag frueh wachte ich ausgeschlafen im Green Backpackers in Mizpe Ramon auf, wo mich die liebenswuerdige Couchsurferin Lee zwei Tage kostenlos hatte uebernachten lassen. Ich bereitete mir Hirse fuers Fruehstueck und als Wegproviant zu, und packte in aller Ruhe meine Sachen zusammen. Aufgrund der naechtlichen Kaelte in fast ganz Israel hatte ich mich entschieden, fuer einige Tage nach Sinai in Aegyten zu fahren. In all meinen vorherigen Aufenthalten in Israel hatte ich diesen Schritt nicht gemacht, da ich nicht alleine fahren wollte und ich keine Mitreisenden gefunden hatte. Da ich nun aber ins Abenteuerfieber gekommen war, stand mein Entschluss fest: Ich gehe, ob alleine oder nicht.

Da von Mizpe Ramon nur vier Busse am Tag nach Eilat fuhren, der Stadt an der Suedspitze Israels, wollte ich mein Glueck als Tramperin versuchen. Ich stellte mich an die Bushaltestelle an der Strasse Nr. 40 und hielt den Daumen heraus. Nach einer Weile stellte ich jedoch fest, dass die meisten Autos entweder nach Mizpe Ramon hinein- oder zur Tankstelle gegenueber fuhren. Nach ca. einer Stunde gab ich auf und setzte mich auf einen Stein in die Sonne, wo ich bald von einer Katze Gesellschaft bekam, die meine Anwesenheit nutze, sich ein paar Streicheleinheiten zu ergattern. Irgendwann kam eine aeltere Dame vorbei, die nach Be’er Sheva fahren wollte, aber nicht wusste, wo der Bus fuhr. Ca. 5 Minuten lang diskutierte ich mit ihr auf simplem Hebraeisch ueber die richtige Bushaltestelle und schickte sie in die Innenstadt, wo ich wusste, dass dort der Bus Nr. 60 abfuhr, mit dem ich aus Be’er Sheva gekommen war. Dann bekam ich eine SMS von Maya, der Berlinerin, mit der ich einige Tage zuvor ausgemacht hatte, eventuell zusammen nach Sinai zu fahren. Sie war gerade ebenfalls auf dem Weg in den Sueden und wir machten aus, uns, sollten wir zur gleichen Zeit ankommen, zusammen ueber die Grenze nach Aegyten zu gehen.

Irgendwann kam dann einer der vier Busse nach Eilat, in den ich einstieg. Er war mal wieder ueberfuellt von Soldaten, die aber nach ca. einer Stunde alle an einem Militaerstuetzpunkt ausstiegen. Die Fahrt fuehrte duch eine teils oede, teils schoene Wuestenlandschaft bis zur zentralen Bushaltestelle in Eilat am Roten Meer. Maya kam ca. 20 Minuten spaeter mit einem Trampkollegen an, der seit 11 Monaten ohne Geld reist. Wir schafften den naechsten Bus nach Taba, der Grenzstadt, der uns 7,5 Shekel kostete. Dort stiegen wir aus und mussten unseren Weg durch einen Grenzparcour bahnen: Passportkontrolle Israel, Bezahlstelle der “Ausreisesteuer” von 101 Shekel Israel, Passkontrolle und Kontrolle der Bezahlung der Ausreisesteuer Israel, danach zwei Aegyptische Passkontrollen von Menschen auf Klappstuehlen, Eintritt in die “Arriving Hall” Aegypten, dortige Sicherheitskontrolle und Passkontrolle plus Stempelung der Paesse. Nach Verlassen der “Arriving Hall” mussten wir einen Kilometer laufen, um die Sinai-steuer von 75 Aegyptischen Pfund (ca. 10 Euro) zu zahlen, und unsere Nationalitaeten wurden in ein buntes Heft eingetragen.

Wir kamen ca. 17 Uhr an dieser letzten Parcourstation an, was bedeutete, dass es bereits dunkel geworden war; ausserdem waren wir die einzigen Einreisenden. Nun gab es zwei Moeglichkeiten: Entweder mit dem Taxi nach Nuweiba (ca. 67 km) oder nach Dahab (147km). Maya hatte keine Ahnung von Aegypten, und ich hatte nur am Abend zuvor den Wikitravel-Artikel ueber diese Gegend gelesen. Dort hiess es, man solle nicht mehr als 30EGP (3,80Euro) nach Dahab oder 20EGP (2,50Euro) nach Nuweiba zahlen. Ich war dafuer, nach Dahab zu fahren, aber wir konnten den einzigen, extrem unsympathischen, kaum englisch sprechenden Taxifahrer nur auf 50 EGP pro Person herunterhandeln. Danach begann eine abenteuerliche, fast zweistuendige Taxifahrt durch eine dunkle, einsame Wuestenstrasse Richtung Sueden. Bis Nuweiba war unser Fahrer noch ruhig, aber nachdem er in der Stadt Fruechte gekauft und seine Autoradio hatte reparieren lassen, wurde er etwas nervig. Er fing immer wieder an, “excuse me”… und sagte irgendetwas von “money”, was wir nicht verstanden. Erst versuchte er, den Preis fuer die Taxifahrt nochmal zu verdoppeln, und danach fing er an zu fragen, ob wir “tracha tracha” wollen und erzaehlte was von 300 Pound, die er uns beiden anbot. (Ich habe bereits zwei Aegypter gefragt, was tracha tracha bedeutet, aber keiner kannte es). Nachdem alles sehr suspekt wurde und wir immer wieder abwehrten, fing er an sich zu entschuldigen “sorry, sorry”. Die letzten 30 Minuten Taxifahrt waren fuer uns beide sehr lange, keiner sagte einen Ton, und wir waren sehr sehr froh, nicht alleine nach Aegypten eingereist zu sein.

Nachdem der Fahrer uns an der Promenade in Dahab abgesetzt hatte, entschuldigte er sich nochmals bei uns, wir aber waren einfach nur froh, ihn wegfahren zu sehen. Nachdem nun diese Huerde genommen war, kam die naechste: Wir waren muede, hungrig, und mussten uns den Weg mit unseren Rucksaecken durch die sehr touristische Promenade kaempfen, wo uns je von links und rechts Klamotten, Zimmer und Essen “angeboten” wurde. Nach einigen Minuten kamen wir an den Strandrestaurants an, und liessen uns gleich vom ersten zu freier Vorspeise, freiem Dessert und 20% Rabatt verfuehren. Es hiess “Same Same” und servierte aegyptische und marokkanische Spezialitaeten. Der Kellner, der, wie sich spaeter herausstellte, auch der Manager war, war der erste freundliche Aegypter der uns begegnete. Da sie kein Bier servierten, durfte ich mir ein Bier namens “Sakara” am Kiosk kaufen und bekam ein Glas dafuer. Nach dem Essen unterhielten wir uns noch etwas mit ihm, und er fragte, ob wir ein Zimmer braeuchten. Wir bejahten, sagten aber, dass wir mit sehr wenig Geld reisen. Er bot uns daraufhin an, im Restaurant zu uebernachten, nachdem es geschlossen wird. Das schien gang und gebe gewesen zu sein in einer Zeit, als Dahab ueberfuellt und ausgebucht gewesen war. Heute, so der Kellner, kommen weniger Menschen, seit den Revolutionen in Nordafrika.

Die Zeit bis zur Schliessung des Restaurants vertieben wir uns mit Stadt Land Fluss, Bier und Konversationen mit unserem neuen aegyptischen Freund. Ca. 23.30h wurden die Lichter ausgemacht und wir bereiteten unser Nachtlager hinter der Steinmauer des Restaurants, die uns von der Promenade trennte. Ich breitete meinen Schlafsack aus und schlief sofort ein, trotz der laermenden Musik aus der Mojitobar gegenueber.

Gegen 2 Uhr nachts wachte ich auf, weil sich drei sich lautstark unterhaltende Italiener direkt auf die Steinmauer ueber mir gesetzt hatten. Nachdem ich mir eine Weile vorgestellt hatte, die drei wie ein Zombie von hinten zu erschrecken, stand ich doch einfach auf und ging zur Toilette in der Mojito Bar. Als ich zurueckkam, sagten sie, ich solle doch ein Foto von ihnen machen, was ich auch tat und sie dann bat, sich bitte ein paar Meter weiter zu unterhalten, da ich dort schliefe. Sie regierten lachend und merkwuerdig, und als ich mich wieder hinlegen wollte, bemerkte ich, dass mein Schlafsack nass war und nach Mojito roch. Ich fragte sie “It’s wet here, did you do this”? Sie reagierten wieder sehr arrogant, der Mann sagte “It’s just the Mojito” und die andere sagte “No, no, haha, it’s raining, haha”. Sie gingen einige Meter weiter und ich fand zwei Strohhalme und eine Limonenscheibe auf meinem Nachtlager. Ganz ehrlich, ich habe noch nie so einen Hass gegen Personen gehabt wie in diesem Moment, am liebsten waere ich zu ihnen gegangen, haette ihnen die Strohhalme vor die Fuesse geworfen und ihnen ins Gesicht geschlagen, nicht nur weil sie ihren Mojito auf meinem Schlafsack ausgeschuettet haben, sondern wegen Ihrer unendlichen Arroganz und Verlogenheit. Ich hielt mich aber natuerlich zurueck und schluckte meinen Aerger. Ich legte mich mit meinem mojitogetraekten Schlafsack etwas weiter von der Strasse entfernt in eine Sitzecke, konnte danach aber nicht mehr wirklich schlafen, wachte alle 10 Minuten von irgendwelchen Geraeuschen auf und dazwischen traeumte ich wirr.

Auch Maja hatte schlecht geschlafen, da sie keinen Schlafsack hat und die meiste Zeit gefroren hatte. Uebernaechtigt verliessen wir das Restaurant gegen 7 Uhr, als es geoeffnet wurde und die Sonne hereinschien. Das alles war aber schnell vergessen als wir sahen, wie waermend die Sonne in Sinai Ende November war, und wir schoen das Rote Meer auf der einen und die roten Sandberge auf der anderen Seite aussahen. Ich weckte meine Kraefte mit einem italienischen Kaffee in einer Bar, die gerade oeffnete, und danach suchten wir ein Internetcafe. Nur einige Meter weiter folgten wir einem Schild, auf dem “Internet” stand. Wir fanden uns in einem Gaestehaus namens “Seven Heaven” wieder, wo wir uns auch gleich die Zimmer anschauten, denn wir wollten nichts mehr als ein eigenes Bett fuer diesem Tag. Dass wir ein Doppelzimmer im zweiten Stock eines von mehreren Holzhuetten an einem weissem Balkon mit Meerblick fuer 20 EGP (2,50Euro!) pro Person bekamen, uebertraf alle unsere Erwartungen. Wir nahmen das Zimmer sofort an, entluden uns unserer Rucksaecke und freuten uns wie Koeniginnen. Eine weitere Erforschung des Gaestehauses wartete mit weiteren Ueberraschungen. An der Rezeption bekamen wir freie Getraenke, und alle Besitzer (eine Familie) waren sehr sehr gastfreundlich und nett. Die Rezeption war uebersaet mit regelrechten Liebesbriefen von Geasten aus aller Welt in allen Sprachen. Fuer umgerechnet 5 Euro bekam ich ein reichhaltiges Fruehstueck und Maya und ich einen frisch gepressten Guavensaft, nach dem man sich die Finger leckte und sich nun endgueltig im Paradies waehnen konnte. :) In diesem Sinne sende ich herzliche, sonnige Gruesse in die Heimat!! Eliane

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