Hallo! :) Seit 1,5 Monaten bin ich wieder im wunderschoenen Kalifornien. Ich muss jetzt anfangen, all meine Abenteuer niederzuschreiben, sonst werde ich nicht mehr hinterherkommen. Momentan bin ich in einem Cafe in Mount Shasta. Nachdem ich das hier veroeffentlicht habe, werde ich mein Mietauto ueber die Baumgrenze fahren. So vieles habe ich zu berichten, dass ich entschieden habe, Stueck fuer Stueck in kurzen Posts zu berichten, anstatt in einem langen. Schoen verdaulich, sozusagen. Hier also Teil 1 der Serie ‘California Love’!

Alles begann im September, als ich noch in Lissabon wohnte und entschied, wieder zurueck nach Kalifornien zu fliegen. In meinem letzten Eintrag beschreibe ich ausfuehrlich, wie ich Ende September nach Los Angeles flog, wo ich fuer drei Tage auf dem Boot meiner Freundin Chandler in Venice Beach wohnte. Danach machten wir uns auf den Weg.

 Chandler und ich hatten in ihrem alten weissen BMW nicht nur uns und unser Gepaeck untergebracht, sondern nahmen auch noch Boz, einen blonden Radfahrer aus Georgia mit. Er lebt mittlerweile in Texas und hat bereits einige lange Radstrecken hinter sich, die laengste von Savannah nach Austin, fuer die er ueber zwei Monate unterwegs war. Er unterhielt uns vom Ruecksitz aus mit Anekdoten und teilte mit uns die Benzinkosten.

 Tagebucheintrag. “Die Fahrt in den Norden dauerte fast zwei Tage und war einzigartig. Der Pacific Highway 1 entlang der Kueste Kaliforniens hat den Ruf einer der schoensten Routen der Welt; und es ist wahr. StrandEs ist aber nicht nur die Schoenheit, sondern auch die Vielfalt an Landschaften auf relativ kurzer Distanz, die beeindruckt. Fast wie in einer Fantasywelt kamen wir von sonnigen bunt bewachsenen Felskuesten an hellblauem Pazifikstrand hinein in daemmerige Sumpflandschaft, dann durch nebelverhangene buschige Huegel an unsichtbaren Straenden hinter San Francisco, und immer wieder besuchten wir ruhige, ja mystische Fluesse. An einem dieser Besuche begann es zu regnen, und ich hatte zum ersten Mal seit langem wieder das Gefuehl, mitten in der Wildnis zu sein. Wir passierten suesse kalifornische Doerfer mit ihren kleinen Tankstellen, von wo aus ich die enormen pazifischen Wellen betrachtete, dann wieroadtripder sahen wir Kuehe auf strohigen Ebenen weiden. Schlussendlich taten sich die Mammuntbaeume (Redwoods) um uns herum auf.

Was ich an Kalifornien mag, ist die Verschmelzung von Zivilisation und Natur. In Europa kann ich fahren und fahren und fahren, aber nie habe ich das Gefuehl, die Natur habe noch die Macht, eher habe ich den Eindruck, fast allen Orten Westeuropas wurde vor langer Zeit die Magie genommen. [Ich erinnere mich jedoch an einen Wald in der Normandie, nahe der Kueste, wo ich mit meinen Eltern damals, als Kind, Magie erlebte] Hier jedoch ist diese Magie noch an vielen Stellen erhalten, Ich bin mir sicher, dass in diesem Land noch einiges an Magie entdeckt werden kann. Insgeheim sind es vielleicht jene letzten magischen Orte, nach denen ich auf meinen Reisen suche, und ich habe erst jetzt die Worte dafuer gefunden.

love

 Am Abend des 29. September erreichten wir Mendocino County. Da wir nicht nach Einbruch der Dunkelheit vor fremden Tueren stehen wollten, nahmen wir Boz’ Einladung an, die Nacht im Haus seiner Bekannten zu verbringen, das ihm fuer die naechsten Wochen zur Verfuegung steht.

 Am Morgen des 30. September erreichten wir unseren Arbeitsplatz. Wir wohnen in einem sogenannten Dome, einer halbkugelfoermigen Zeltkonstruktion mit runden Fenstern und einer rustikal-pragmatisch simplen Einrichtung. Es gibt einen Holzofen fuer Waerme, einen Gasherd und eine Kuechenzeile aus Holz, einen Kuehlschrank, zwei Schraenke und ein Waschbecken mit fliessend Wasser. Die vordere Seite des Domes, gegenueber des Eingangs, ist anstatt aus Zeltmaterial aus durchsichtigem dichten Plastik und hat eine wunderschoene Aussicht auf Tal. Davor steht ein kleiner Holztisch mit zwei alten Stuehlen. Auf der anderen Seite steht ein weinroter Sessel, dahinter ein Regal. Der Platz neben dem Ofen wird von dem Feuerholz eingenommen.

the dome

 Da Chandler eine Freundin aus West Hollywood abholen musste, war ich fuer ca. 5 Tage alleine im Dome. Es war ein Traum, ich fuehlte mich endlich wieder gut. Stille. Natur. Frieden. Da erkannte ich, das es das war, was ich brauchte.

 Der Dome ist umgeben von Wald und Wild, aber vor allem von einem: Stille. Nachts leuchten die Sterne hell und klar. Ab und zu hoert man ein Tier rufen, oder es raschelt. Ueber den Wipfeln schweben Geier, im Gebuesch flitzen Salamander und Eidechsen. Tagueber sitze ich am Holztisch in der Sonne und lese, nachts entzuende ich ein Kaminfeuer und schreibe. Ich habe meine Inspiration wieder. Vier Monate in Lissabon war es mir unmoeglich zu schreiben. Der kurze Weg zu James’ (Name geaendert) Haus durch den Wald ist alleine ein Gedicht, frische Luft, Erde unter den Fuessen, Baeume, blauer Himmel oder Sternendach. Pechschwarz ist die Nacht. Drei sonnige Oktoberwochen werden vorausgesagt.

Leider blieb es nicht immer so ruhig. Viele Leute kamen und gingen, und ich bekam eine starke Allergie. Nach fast drei Wochen auf James’ Farm war es Zeit fuer mich, zu gehen. Ich wurde unruhig, wusste, dass es Zeit fuer mich war, mein eigenes Ding zu machen, nicht mehr von anderen abhaengig sein. Ich bewarb mich als Freiwillige bei einem Yoga-Meditations-Ashram in Grass Valley, und mir wurde die Moeglichkeit gegeben, dort so lange zu bleiben wie das Wetter mitspielte. Es war Mitte Oktober, noch erwachte jeder Tag unter der warmen Sonne. Sobald jedoch die Regenzeit anbricht, wird Nordkalifornien eher ungemuetlich, kalt und nass.

In den USA herumzureisen, wenn man nicht backpacken und trampen kann oder moechte, ist ohne Auto anstrengend bis unmoeglich – das kann man bei meinem letzten Kalifornienbesuch nachlesen. Mit all meinen Sachen konnte ich das vergessen. Selbst Mitfahrgelegenheiten waren rar in der Gegend in der ich wohnte. Ich kam nicht drum herum: Ich musste mir ein Auto mieten. Warum das so ein Hindernis fuer mich war? Ich war seit vielen Jahren nicht gefahren. Seit einem Unfall an einer Kreuzung 2007 in Berlin habe ich fast kein Auto durch die Fahrertuer betreten, und wenn, dann nur auf Landwegen. Ich habe es auch nie wirklich gebraucht. Doch jetzt war es soweit.

Ein Freund von James brachte mich am 18. Oktober nach Santa Rosa, wo ich das erste Mal in meinem Leben ein Auto mietete.  Ich buchte drei Tage, um mir genug Zeit zu lassen. Es dauerte ueber eine Stunde und ich kaufte vorsorglich eine komplett-rundum-Versicherung, die mich im Endeffekt mehr kostete als das Auto selbst. Dazu kam, dass ich das Auto woanders, und zwar in Grass Valley abgeben wuerde. Ich hatte nicht mit einer 100-Dollar-Gebuehr gerechnet. Aber das war mir in dem Moment alles egal. Ich war dabei, alleine in einem Auto durch den schoensten Staat der USA zu fahren. Fuer mich war das nicht nur eine der coolsten Dinge die ich je machen wuerde, sondern auch noch eine persoenliche Revolution: Mich in ein Auto setzten und es selbst zu fahren, irgendwo durch die schoensten Strassen der Welt, hat ein unbeschreibliches Freiheitsgefuehl in sich. Doch zuerst musste ich mich in ein fremdes Auto setzten, mit Automatikschaltung, und es mit Schweissausbruechen durch das Industriegebiet Santa Rosas steuern, um dann auf den Freeway zu fahren. Die Freewayeinfahrt war nur zwei Blocks entfernt. Und so sah das ganze dann aus.

18/10 “Es ist ein kleines Wunder geschehen, und wieder ist alles anders. Ich sitze in meinem Mietauto, dem silbernen Volkswagen Jetta, der Vollmond scheint ueber den duenig-sandigen Pazifikstrand von Point Reyes. Ja, ich habe es geschafft, und meine Angst ueberwunden.  Ich war sehr aufgeregt.  Als die Kreditkarten endlich angenommen wurden, wurde es ernst. Ich lud ein, und fuhr dann auf dem Industriegebiet los. Ich glaube, dass ich die erste Ampel bei Rot ueberfuhr. Ich war fix und fertig und hielt irgendwo am Strassenrand. Ich sah ein Schild an der naechsten Kreuzung: nach rechts gehts zum Freeway. Da musste ich frueher oder spaeter hin. Ich stand dort vielleicht eine Viertelstunde, und traute mich nicht, loszufahren. Anja hatte mir noch den extrem wichtigen Tipp gegeben, dass es keine ‘rechts vor links’ Regelung gibt, sondern, wer zuerst da ist, faehrt zuerst. Ich schaute mir die Kreuzung eine Weile an, dann bat ich um Unterstuetzung von oben und fand den Mut. Ich landete auMuir Beachf dem Freeway 101 nach Sueden, obwohl ich eigentlich nach Norden musste. Aber ich war viel zu aufgeregt und froh, dass ich erstmal auf dem Freeway war.

In nahm meine naechste Huerde in der Naehe von Cloverdale, wo ich gehoert hatte, dass das Benzin sehr guenstig sein sollte. Ich steuerte den Jetta an eine der Tanksaeulen und fand und fand den Knopf zum Oeffnen der Tankklappe nicht. Ich fragte zuerst einen Mexikaner, der scheinbar an der Tankstelle arbeitete. Er suchte, und fand auch nichts. Hinter mir tankte eine alte Dame ihren hellgruenenVW Beetle. Auch sie suchte, und fand nicht. Der Mexikaner war noch immer am suchen. Nun holte ich eine dritte Person dazu, einen ziemlich dicken und grossen Pickup-Fahrer. Klick, einmal auf die Klappe druecken, und das Ding war offen.

Nicht nur brachte mich diese Szene wirklich zum lachen, auch heilte mich die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Leute hier von einem grossen Teil meiner Autoparanoia. Waeren doch bloss die Deutschen auch so!

Ich fuhr zurueck auf den Freeway und naeherte mich San Francisco. Auch nur in die Naehe dieses Ballungszentrums zu kommen wollte ich tunlichst vermeiden! Ich nahm eine Ausfahrt in San Rafael, hielt an und ging zu einem Mexikanischen Restaurant, wo ich mir die Karte (=Google Maps) anschaute. Ich beschloss, noch einmal auf den wunderschoenen Pacific Highway 1 zu fahren.  Ich habe den Weg kurz vor der Golden Gate Bridge dann tatsaechlich wiedergefunden, (gluecklicherweise hatten wir ein paar Wochen zuvor die Einfahrt ja schon einmal gefunden) und habe einen wunderschoenen Sonnenuntergang erlebt, als ich zur Kueste hinunterfuhr.

IMG_0099

Dann fuhr ich weiter nach Norden. Ich Das letzte Licht verschwand, als ich durch das suesse ‘Stinson Beach’ Dorf fuhr. Ich fuehlte mich wie die Koenigin der Welt! Nach einer weiteren Stunde Nachtfahrt hatte ich Lust, in einer Bar einzukehren und ein Bier zu trinken. Irgendwann kam ich in ein Dorf und sah eine Bar und bog dahinter ab, um umzukehren. Ich fuhr dann jedoch einfach die Strasse weiter, in die ich abgebogen war. Nach ein paar Meilen gab es ein Schild: 19 Meilen geradeaus zum Leuchtturm, 6 Meilen zum Youth Hostel links. Ich fuhr links. Die gesamte Strecke dauerte eine relativ lange Weile, wenn man so im dunkeln alleine auf einer unbefahreren Strasse in Richtung nirgendwo ist. Ich hatte einen Heidenspass. Ich begegnete einigen Rehen. Irgendwann wurde mir klar, dass die Strasse zur Kueste fuehren musste. Hier und da zog Nebel vorbei… und dann hoerte ich das Meer. Ich fand einen Parkplatz wo schon ein paar Weitere Autos waren… und dann waren es nur noch ein paar Meter zu Fuss durch die sandig-grasigen Duenen zum Strand. Ueber mir leuchtete der Vollmond. Ich hatte keine Angst.

map

Hier werde ich nun schlafen. Das Abenteuer geht jetzt erst los. Ich fuehle mich befreit. Ich habe mehr als einen kleinen Schritt gemacht. Ich bin ueber meinen Schatten gesprungen.”

Fortsetzung folgt! Hier gehts zu Teil 2

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Weitere Fotos von Tag 1:

IMG_0109

Sunset

Stinson Beach

Stinson Beach

Stinson Beach

Stinson Beach

Vollmond

Point Reyes

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