…In San Francisco angekommen, war es so richtig heiss. Waehrend in Kanada bereits der winterliche Wind herbeigeeilt war, schien San Francisco zu brennen. Ich dachte natuerlich, das sei normal – aber mein naechster Couchsurfing-Host erzeahlte mir, dass dies der heisseste Tag seit 52 Jahren in der Geschichte San Franciscos war. Da stand ich also, schwitzend, an einem Nachmittag Ende September in San Francisco am Busterminal und wartete auf den 101 Bus nach Santa Rosa.

Hier ein kleiner Einschub zum Verstaendnis, was eigentlich mein Plan war: Ich kam gerade aus Kanada, hatte fast eine Woche in Portland, Oregon verbracht und war nun auf dem Weg zu einem Job, den mir eine Freundin aus Los Angeles verschafft hatte. (Ueber den Job selbst werde ich, nach langem Ueberlegen nicht viel sagen, da es ein noch heikleres Thema als die Kirschenernte ist. Man kann mich aber gerne persoenlich anschreiben, wenn man mehr erfahren will). Ich wusste, wie der Ort hiess, in dessen Naehe das Camp war, ca. zwei Stunden entfernt von Santa Rosa. Hier wird auch das nicht verraten. Auf jeden Fall waren die Busverbindungen elendig, wie ueberall in Nordamerika. Der Bus nach Santa Rosa war noch ueberschaubar und fuhr jede Stunde, doch fuer die Strecke danach hatte ich keinen blassen Schimmer. Ich wandte die Technik an, die ich in Mexiko immer wieder erfolgreich anwende: Einfach drauflos, man kommt schon irgendwie an.

Pustekuchen. Wir sind hier in America, goddamit.
Ich stieg also in den Bus nach Santa Rosa mit meinen fuenf vollgepackten Taschen. Der Fahrer fragte mich, wo ich die Kueche gelassen habe. Wechselgeld hatte ich auch keins, um den Bus zu bezahlen, nur nen Zwanni. Da liess mich der nette Fahrer dann doch umsonst mit. Als wir kurz vor Santa Rosa waren, rief mich Chandler, meine Freundin an, die bereits an unserem Arbeitsplatz war. Nun verkomplizierte sich die Angelegenheit: Am Camp gab es keinen Handyempfang, und der Mann mit dem Auto, der mich abholen koennte, sei dadurch unerreichbar. Sie und der Kollege, mit welchem sie in der Stadt war, hatten keine Zeit, mich abzuholen.
Nun stand ich wirklich vor einer Zwickmuehle, ganz abgesehen davon, dass ich muede von der Busfahrt, sowie meine Brille zerbrochen war, und ich keine Kontaktlinsen mehr hatte, seit sie mit vor 3 Monaten in Kanada ausgegangen waren. In den USA ist es des weiteren nicht moeglich, einfach Kontaktlinsen zu kaufen, man braucht ein Rezept oder muss eine “Anpassung” zahlen, die sehr teuer ist. Was also tun? Ich wollte doch nur ankommen! In Santa Rosa angekommen, wusste ich nicht weiter. Ich stand mit meinem vielen Gepaeck an einer Ecke, wo dann doch ein paar “zwielichtige” Gestalten waren. Ich fragte etwas herum, eine Busfahrerin gab mir eine Nummer, die man anrufen konnte in solchen “Situationen”. Als ich anrief, fragte ich die Dame nach guenstigen Unterkuenften in Santa Rosa, aber sie hatte nur Homeless-Shelters gelistet. Das hatten wir doch schon in Squamish, nein danke. Zu dem Bussen konnte sie mir auch nichts sagen, nur mir die Nummer der Busgesellschaft geben. Und die war schon “zu”, es war nach 17 Uhr. Half also alles nichts. Ich rief meinen letzten Couchsurfer in Portland an und bat ihn, mir eine Busverbindung oder eine Unterkunft zu googeln. Er meinte, ich solle Couchsurfing versuchen, aber ich glaubte nicht daran, dass ich so auf die schnelle jemanden finden wuerde. Als ich einen anderen Busfahrer fragte, sagte er mir, es gaebe nur einen Bus nach U. pro Tag, und der ist natuerlich schon weg. Aber ich koennte ja nach C. fahren, und von dort aus trampen. Nagut, dann versuche ich das mal.
Ein paar andere Leute, unter anderem besagte zwielichtige, warteten auf denselben Bus. Eine etwas merkwuerdige Frau fragte mich nach meinem Handy, so wolle ihre Mutter anrufen. Ich verneinte, und sie lachte nur. Ich sah sie wenige Minuten spaeteer mit dem Haendy eines anderen Touristen, welches sie fallen liess, fragte ob es kaputt sei, und lachend weglief.
Die Busfahrt nach C. dauerte sehr lange, wir hielten an vielen, vielen dunklen Strassenecken. Alle Mitreisenden kannten den Fahrer persoenlich. Es war lange nach Sonnenuntergang, die Idee des trampens war in weite Ferne gerueckt. Ich war nun wirklich totmuede. Und dann klingelte mein Telefon, und es war ein Maedchen, dass mir eine Couch in Santa Rosa anbot. John hatte wohl eine Anzeige in Couchsurfing geschaltet, eine sogenannte “Emergency Couch” und sie hatte sie gelesen. Und ich war irgendwo im Nirgendwo! Ich bedankte mich herzlichst, und legte traurig auf. Nun war ich auch psychisch am Ende. Ich rief John an und sagte ihm, er sei ein Schatz, aber ich schon fast in C., und er koenne die Anzeige rausnehmen. Er hatte wohl die Verzweiflung in meiner Stimme gehoert, denn bald daraufhin ertoente das Telefon erneut, und nun war ein anderer Couchsurfer am anderen Ende, dem ich dasselbe sagte wie dem Maedchen, und er antwortete mir, dass er das schon wisse, und er mir anbot, mich in C. abzuholen und zurueck nach Santa Rosa zu fahren, wo er mir eine Couch finden wuerde. Er klang wahnsinnig nett und ich stimmte hocherfreut zu, quasi hatte mir dieses Telefonat das Leben gerettet. Couchsurfing ist ein Traum.

In C. angekommen, kaufte ich mir eine Riesentuete Chips und ein Bier. Ich hatte ja den ganzen Tag noch nicht wirklich etwas gegessen. Als MJ dann ankam, gingen wir ins mexikanische Restaurant um die Ecke und assen einen sauteuren Burrito. MJ war mir sofort supersympathisch. Ich koennte einen eigenen Blogeintrag verfassen ueber den rundlichen, homosexuellen halb Spanier halb Puertorricaner, der kein Spanisch sprach, Couchsurfing Botschafter in San Francisco war, bevor er nach Santa Rosa zog und dort in einer kleinen Wohnung mit einem anderen Schwulen wohnte, welcher eine Ausbildung zum Polizisten machte, mit welchem er aber kein Wort sprach, weil sie sich nur stritten. Und trotz dessen Abneigung gegenueber Couchsurfing (oder, Fremden in meiner Wohnung) blieb ich drei Tage bei MJ wohnen.

Ploetzlich war alles leicht. MJ fuhr mich mit seinem VW Passat nach San Francsico, wir assen vegan-asiatisch in Chinatown, wo er mich auch zu seinem chinesischen Optiker brachte, der mir zwei Linsen einfach so verkaufte. Wir fuhren duch die Stadt, an den Strand, den Golden Gate Park, und gingen am Abend in eine Bar, wo wir “the Debate” (Obama vs. Rumney) schauten, und uns mit anderen Couchsurfern trafen. Zum Schluss assen wir noch in einer guenstigen mexikanischen Kantine, und fuhren nach Hause. Er zeigte mir am naechsten Tag auch das “Peanuts”-Museum mit den Charlie Brown und Snoopie Statuen. (Auch genannt “Charles M. Schulz Museum and Research Center”). Wir hatten viel Spass, bis ich von meinem neuen Chef direkt in Santa Rosa abgeholt wurde. Ab dann wohnte ich 6 Wochen lang in den Redwoods von Nordkalifornien, den nebligen, magischen Bergen und Waeldern.


Anfang November dann, ging es zurueck nach Santa Rosa, wo ich MJ zu einer grossen Sushi-All-You-Can-Eat Session einlud. Er half mir im Gegenzug wieder mit seinem Auto, ohne das man in fast jeder Stadt Nordamerikas aufgeschmissen ist, und fuhr mich von Walmart zu Target, von Target zu BestBuy und zurueck, damit ich all meine technische Ausruestung kaufen konnte, mit welcher ich zurueck in den Sueden fliegen wuerde. Dies war:
– Eine Canon EOS Rebel T3 (in Deutschland genannt 1100D)
– Ein Acer Aspire Netbook


Damit ausgeruestet gibt es nun auch die totale Berichterstattung!
Die letzten drei Tage verbrachte ich dann in San Francisco, machte viele Fotos, lief durch wirklich zwielichtige Strassen (gibt ganz schoen viele davon dort) und flog dann am 14.11.2012 ueber Orange County zurueck nach Mexiko City.

Fotostream San Francisco

2 thoughts on “Kalifornien Teil 2

  1. Wow, krasse Geschichte, schön, daß alles gut ausgegangen ist.
    Es ist ja schon großartig genug, daß Leute einen bei sich übernachten lassen, aber wenn es dann solch engagierte Couchsurfer gibt ist das einfach ergreifend!
    Was mit deinem Job war würde mich dann doch interessieren, wenn Du magst.

    1. Hallo Skraal! Ja, es ist immer wieder unglaublich schoen, all diese lieben Menschen in der Welt zu treffen, woraus sich so tolle Geschichten ergeben. Freue mich dass sie auch dir gefallen! Liebe Gruesse! :)

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