Meine Lieben – es ist wieder Zeit fuer einen neuen Eintrag. Dies wird einer meiner Lieblingsbeitraege – die Westkueste der USA hat mein Herz im Sturm erobert.  Gegen Ende des Sommers bekam ich eine Nachricht von meiner Freundin Chandler, die in Los Angeles auf einem Boot wohnt, dass sie uns einen Job ergattert hat.  Da die Saison in Kanada mir nicht genug Geld fuer meinen Winter in Zentralamerika eingebracht hatte (an jeden, der vor hat, als Erntehelfer in Kanada zu arbeiten – es bedeutet harte Arbeit fuer relativ wenig Geld, denn British Columbia ist zudem sehr teuer) war dies ein ueberlebenswichtiger Zufall und ein Segen. Die Saison in Kalifornien beginnt im Oktober, daher fahren viele Traveller von Kanada nach Kalifornien um diese Jahreszeit. Ueber den Job an sich werde ich dann im naechsten Artikel berichten.

Die letzten Tage in Keremeos zogen sich in die Laenge. Ich hatte ein billiges Busticket fuer den Greyhound gekauft, 28 Dollar von Vancouver nach Portland, Oregon. Ich freute mich auf das neue Abenteuer USA. Um auch problemlos in die Staaten einreisen zu koennen, brauchte ich jedoch einen Flug. Ein sehr netter Arbeitskollege half mir aus – er buchte einen AirFrance Flug unter meinem Namen, welchen er stornieren wuerde, sobald ich eingereist war.  Dann fuhr ich noch ein letztes Mal mein Fahrrad spazieren, um etwas Salbei in der Naehe von Cawston zu pfluecken. Ich verbrachte viel Zeit auch am Similkameen Fluss, es war schwer, mich von ihm zu verabschieden. Ich hatte die letzen zwei Monate an seiner Seite gewohnt.

Am Morgen des 25. September packte ich meine Sachen zusammen, verabschiedete mich, und stellte mich an den Wegesrand. Das Ziel war Vancouver. Um sicherzugehen, dass ich auch am selben Tag ankam, wies ich die ersten Autos ab, die nicht ganz bis Vancouver fuhren. Auch die nette Dame, die nun anhielt, fuhr nur bis Hope. Das mit Hope war so eine Sache: als letzte unabhaengige Stadt vor Vancouver war sie ein bekannter Ort, um “festzuhaengen”; mehrere Menschen erzeahlten mir von Wartereien ueber Stunden, kaputten Autos und generell einer etwas unschoenen Energie in diesem Ort. 1965 gab es dort den groessten Bergrutsch in der Geschichte Kanadas, heute eine Touristenattraktion. Wie auch immer, da die Frau sehr nett schien, setzte ich mich zu ihr in ihr kleines Auto. Zuerst waren wir beide sehr still, sprachen kurz ueber dies und das, wurden bald aber gespraechiger und persoenlicher und es stellte sich heraus, das wir uns sehr gut verstanden. Und dann war ich in so einer guten Stimmung, waehrend wir durch die wunderschoene, herbstlich werdende Berglandschaft fuhren, dass ich pausenlos laechelte, und auch Cherrise war gutgelaunt. Sie sagte, ich sei die erste Anhalterin, normalerweise sei es ihr zu unsicher, jemanden mitzunehmen. Gegen Ende der dreistuendigen Fahrt wurden wir sehr tiefgruendig in unserer Unterhaltung, und ich scheine sie an viele Dinge erinnert zu haben, die ein glueckliches Leben ausmachen – und sie ueberlegte sogar, im Winter auch nach Mexiko zu kommen mit ihrem Sohn. Zum Abschied schenkte ich ihr ein Buendel des frischen Salbei.

Extrem guter Laune, stand ich nun in Hope an der Autobahneinfahrt und hatte sehr viel “Hoffnung”, bald bis nach Vancouver mitgenommen zu werden. Und siehe da, nicht einmal eine Viertelstunde spaeter hielt Herr Michael Steinmann mit seinem Truck an. Er war ganz ausser sich, eine deutsche Anhalterin mitgenommen zu haben, da er selbst deutscher Abstammung war,und erzaehlte mir seine Lebensgeschichte, ich hoerte brav zu und stellte viele Fragen. Er war Musiker aus Leidenschaft, und verdiente sein Geld als Taucher auf Yachten. Er wuerde gerne sehr viel mehr reisen und Musik machen, aber er hatte Frau und drei Kinder, und seine Frau hatte andere Plaene als er. Er war ein Freund von dem Saenger von Nickelback, einer kanadischen Rockband. Alles in allem war er ein sehr netter Mann! Vor Vancouver gerieten wir in einen Stau, der uns eine Stunde zurueckversetzte. Dafuer brachte Michael mich direkt zu meinem Ziel: der zentralen Bibliothek von Vancouver. Auf meinem Tramper-Karton hatte ich nun Adressen und Telefonnummern von Cherrise und Michael, die ich anrufen koennte, falls ich meinen Bus verpassen sollte.

Das war natuerlich ausgeschlossen. In der Bibliothek druckte ich meinen Flug und das Busticket aus und machte mich danach auf den Weg zu einer letzten Nacht im American Backpacker Hostel, dem verruecktesten Hostel auf dem Planeten. Wieder war der langhaarige Latino an der Rezeption, eine 11 auf einer Skala von 1 bis 10 fuer Unfreundlichkeit. Zuerst knoepfte er mir 5 Dollar Gebuehr ab fuer das einchecken nach 18 Uhr. Dann verfrachtete er mich in ein Zimmer, das an Hygienestandart wahrscheinlich jedes Rattenloch unterbot, und gab mir keinen Schluessel dafuer. Naja, wenigstens hatte ich dieses Mal ein Zimmer, denn letztes Mal schlief ich im Treppenhaus, fuer denselben Preis! Ich redete ein bisschen mit den Mitbewohnerinnen, alles Langzeitgaeste, die ich nicht beneidete. Ich machte eine Guacamole und dann ging ich ins Internet – wo ich dummerweise meinen Geldbeutel liegen ließ. Dann ging ich schlafen.

Nachdem ich mich ueber den Verlust des Geldbeutels ausgeflucht hatte (es waren nur ca. 15 Dollar darin gewesen) nahm ich ein Taxi zum Busbahnhof. Ein kleines Tuetchen mit Marihuanablaettern (“Shake” in Fachkreisen genannt), ein Geschenk von einem Freund, warf ich in den Muelleimer.  Ich rauche zwar seit vielen Jahr so gut wie kein Marihuana mehr, aber diese Shake- Blaetter waren so leicht in ihrer Wirkung, dass ich an meinem letzten Abend Gebrauch davon machte. Dann  stellte ich mich in die Reihe (beim Greyhound gibt es keine Sitzreservierung, da heisst es anstellen) und der Ami mit dem Flanellhemd, der vor mir stand, drehte sich irgendwann aus Langeweile herum und erzaehlte eine Geschichte aus den Sechzigern, irgendwas ueber die Preise. Dann ging es endlich los. Auf zur Grenze!

Ich war nervoes. Wir wurden alle aus dem Bus gebeten, Leute ohne Greencard zuerst, also ich. Dann standen wir in der Halle vor den Roentgenapparaten und Koffer um Rucksack wurde von einem Schaeferhund beschnueffelt, dem Drogenspuerhund. Damit hatte ich dann doch nicht gerechnet! Als der Hund dann meinen Rucksack anbiss, und zwar genau an der Stelle, wo das Shake zuvor gelagert war, war ich recht begeistert von den Faehigkeiten dieses Hundes – blieb aber ruhig und auch der Polizist war nett, und sagte zu mir: “Das ist ein Drogenspuerhund. Wahrscheinlich waren Sie einfach in der Naehe von jemandem, der raucht”. Ich verschraenkte die Arme, so als sei ich beleidigt, und sagte hochnaesig: “Ja, wahrscheinlich!” Baden, der Neuseelaender, der auch in der Reihe stand und den ich spaeter kennenlernte, sagte, ich sei ziemlich cool geblieben. Innerlich lachte ich, wurde aber zusehens nervoes wegen der Einreise. Waehrend der Beamte mich ausfragte, durchsuchte eine Frau meine Taschen. Ich gab ihm das Flugticket und erzaehlte, dass ich bei einer Freundin in Los Angeles uebernachten werde. Auf die Frage, woher ich sie kenne, antwortete ich: “aus Mexiko. Wir nahmen zusammen an einem Yogakurs teil”. Da sagte er nur noch “Oh!” und schon stempelte er meinen Pass. Auf die Frage der Frau, ob ich Drogen dabei haette, sagte ich “nur Salbei”.  Dann war der Spuk auch schon vorbei. Auf nach Portland!

Ich hatte Portland als Ziel ausgewaehlt, da ich von mehrere Seiten sehr Gutes ueber die Stadt gehort hatte. Ja, ich hoerte sogar, es sei das neue San Francisco, was heutzutage zu teuer fuer die jungen Leute sei. Ich musste es also kennenlernen. Kennenlernen wollte ich auch den netten jungen Mann mit den Dreadlocks, der ganz hinten im Bus saß- aber er schien sehr in sein Buch vertieft, und so vertiefte auch ich mich in mein Buch – und doeste ein wenig. Zu frueher, schon dunkler Abendstunde erreichten wir dann Portland. Und ich hatte noch immer keine Unterkunft!

Auf dem Bahnhofsvorspatz stand ich, links von mir der junge Mann, rechts ein etwas verrueckter, der zu irgendeiner Show gehen wollte. Ich fragte beide, ob sie wissen, wo es Internet gibt, um eine Couch zu finden, aber sie waren auch nicht von hier. Der verrueckte hoerte aber nicht mehr auf zu reden und wollte mir dann sein Telefon geben, um irgendeine mir Unbekannte zu fragen, ob ich bei ihr uebernachten koennte. In diesem Moment griff der nette junge Mann dann doch ein und sagte, dass er gleich abgeholt wird… vielleicht hilft mir sein Freund ja weiter. Mir fiel ein Stein vom Herzen, und ich freute mich, nicht alleine sein zu muessen. Mein gutes Gefuehl hatte mich wie immer nicht betrogen.

Kurz daraufhin erschien er auch schon, der Kumpel mit dem VW Westfalia. Ohne zu zoegern stimmte er zu: spring rein, wir finden schon eine Loesung. Der Bus sah zum verwechseln aehnlich dem, in dem ich quasi aufwuchs, dem VW Bus meine Vaters. Hier fuhr ich also durch die bunte Nacht Portlands, sorgenfrei, voller Neugier.

Zuerst fuhren wir an einem Hostel vorbei, aber es war ausgebucht, und so bot mir der Fahrer Mike mir an, zusammen mit Baden bei ihm und seiner Freundin im Appartment zu schlafen – seine Freundin waere einverstanden. Dieses Angebot war wirklich wunderbar und so landete ich wenige Minuten nach meiner Ankunft in Portland im Wohnzimmer von zwei wirklich liebevollen Menschen. Ich setzte mich an den Computer und schrieb eine offene Couchanfrage fuer den naechsten Tag, und dann gingen Mike, Baden und ich in Mike’s Lieblingsbar zu Livemusik und selbstgebrautem Bier. Dieses Bier war anders als deutsches oder sogar europaeisches Bier. Starke Geschmaecker ueberwiegen, vor allem ein sehr hopfiger Nachgeschmack. In Portland gibt es mindestens 17 Brauereien und unzaehlige Brauereibars. Auf jeden Fall hat Portland mein Herz in wenigen Stunden erobert. Auch erfuhr ich mehr ueber meinen Busfreund – sein Name ist Baden, er ist Neuseelaender auf dem Weg nach Hause.
Nachdem das vielleicht vierte oder fuenfte grosse Bier geleert war, traten wir den Heimweg an. Ich breitete meine Matte und meinen Schlafsack neben dem Sofa aus, auf dem Baden schlief, und legte mich hin. Am naechsten Morgen erfuhr ich von Baden, dass ich innerhalb weniger Sekunden nur noch ein Stein war. Endlich schlafen, muede, dankbar und sehr, sehr gluecklich.

Als ich am naechsten Morgen aufwachte, war Mike’s Freundin bereits auf Arbeit, und Mike auf dem Weg, aber er verpasste es nicht, mir mit Rat und Tat bestmoeglich auszuhelfen. Er gab mir seine Nummer, und erklaerte mir, mit welchem Bus ich wohin komme. Dann liess er mich und Baden allein, und sagte mir, ich koenne das Internet benutzen solange ich es brauchte. Es ist immer wieder schoen zu erfahren, dass es so viele Menschen auf dieser Welt gibt, die vertrauen koennen, und sobald man sich auf dieser Welle bewegt, trifft man sie, und sie werden zu Mitgliedern einer grossen, weltweiten Familie, die sich unterstuetzt. Mike’s Freundin hatte Blaubeergranola gebacken, zu dem ich eingeladen wurde – so lecker, dass ich gleich drei Portionen ass. Baden musste leider auch bald seinen Flug erreichen und fuhr mit dem Taxi zum Flughafen. Ich setzte mich also an den Computer und fand innerhalb weniger Stunden eine Couch bei einem Couchsurfer namens John. Ich packte meine Sachen, stieg in den Bus und machte mich auf den Weg.

John stellte sich als fantastische Person heraus. Philosophiestudent mit wirren Haaren, vielen Buechern und diesem liebevollen, hilfsbereiten Charakter. Die meiste Zeit verbrachte ich bei ihm zuhause, mit interessanten Diskussionen. Ich genoss die letzten Tage in “Zivilisation”, bevor es in die Waelder gehen sollte.

Aus geplanten drei Tagen wurden dann fuenf, weil ich immer wieder Probleme mit dem Greyhound Bus bekam. Es gab nur einen einzigen Bus nach Mendocino County, wo ich hinfahren musste, mit Umstieg in Sacramento. Am ersten Abend war der Bus nach Sacramento ausverkauft. Am zweiten Abend stellte ich fest, dass der Bus zu meinem Ziel nicht am selben Tag von Sacramento fuhr, sondern erst am naechsten, so dass ich sowieso eine Nacht in San Francisco bleiben musste. Am dritten Abend nahm ich den Bus nach San Francisco und plante, einen Stadtbus von San Francisco nach Santa Rosa zu nehmen, und von dort irgendwie in die Naehe meines Ziels zu kommen.

Aber erst nach folgendem Ereignis musste ich David dann zustimmen, dass der Greyhound nur eine der letzten Optionen sein darf:

Morgens um 6 Uhr blieb der Greyhound auf dem Highway kurz vor Sacramento liegen. Ganze drei Stunden warteten der Busfahrer und die Gaeste auf einen Ersatzbus. Von den Geschichten der Mitreisenden erfuhr ich, dass das kein allzu aussergewoehnliches Vorkommnis ist. Aber nach einer langen Nacht kam ich dann an: SAN FRANCISCO!

In meinem Kopf war ich so sehr mit den Plaenen fuer Mendocino County beschaeftigt gewesen, dass ich ganz vergass, dass ich tatsaechlich nach SAN FRANCISCO fuhr! Nach New York die wahrscheinlich begehrteste Stadt Amerikas und Zentrum der Hippiebewegung, Hauptquartier von Couchsurfing, und andere Superlative. Ich kam dort im Financial District an, und hatte nur eine Stunde Zeit, bis der Bus nach Santa Rosa fuhr – und dennoch schaffte es die Stadt, mich festzuhalten und mich dazu zu bringen, wiederzukommen. Mehrmals. Auch jetzt, eineinhalb Monate spaeter, sitze ich im Revolution Cafe im Mission District unter Musikern und anderen Verrueckten und schreibe diese Zeilen, bevor es morgen zurueck nach Mexiko geht. Danke, San Francisco!!!

Doch nun musste ich erst einmal Geld verdienen.

es folgt Teil 2 – der Weg nach XY.

oder: San Francisco – Santa Rosa – Cloverdale – Santa Rosa – San Francisco – Santa Rosa – XY.

(Name des Ortes unkenntlich gemacht)

:)

One thought on “If you are going to San Francisco…. (Kalifornien Teil 1)

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