Nun also ist das Kapitel “Fruchternte in Kanada 2012” fuer mich abgeschlossen. Von Ende Juni bis Ende September, also den gesamten Sommer 2012 ueber, war die Kleinstadt Keremeos in British Columbia mein Wohn- und Arbeitsplatz.

Nun, wie bekommt man einen ganzen Sommer in einen einzigen Blogartikel?
Richtig. Das geht nicht. Doch es wird eine Selektion Anekdoten, Fotos, Kuriositaeten und bis dato unbekannter Informationen ueber das grosse, heikle, einzigartige Thema des Fruitpicking im Okanagan Tal. Die Fotoflut und die Ideen, die ich hier zu verarbeiten hatte, waren immens, und ich hoffe, der Aufwand hat sich gelohnt. Ich habe eigentlich noch viel mehr zu erzaehlen, aber es war einfach nicht moeglich :) Viel Spass und ich freue mich ueber eure Kommentare.

Die Landschaft

Das Okanagan Tal erstreckt sich innerhalb British Columbias über eine Distanz von etwa 175 Kilometer von Osoyoos bis Enderby, namentlich von dem Okanagan See und dem Okanagan Fluss, sowie dem Similkameen Fluss. Das Klima ist sonnig und trocken, perfekt fuer Obstgaerten und Weinanbau. Die Flaeche entspricht etwa zwei Dritteln von Belgien.

Die Stadt

Keremeos liegt am “K-Mountain” (s.o.) und hat um die 1,300 Einwohner, einen kleinen Supermarkt, eine Bibliothek, ein paar kleine Restaurants, eine Tankstelle, eine Bar, eine Post und aehnliches, sowie ca. ein Dutzend Fruchtstaende. Sie liegt am Highway 3, auch genannt Crowsnest Highway, welcher direkt nach Vancouver fuehrt. Keremeos ist die Fruchtstand-Hauptstadt Kanadas. Angebaut werden Fruechte von Kirschen, Nektarinen, Aprikosen ueber Pflaumen bis hin zu Aepfeln und Trauben sowie allerlei Gemuese. Ueber die Bedeutung des Wortes “Keremeos” streitet man sich, es heisst, es deriviert von “Keremeyeos”, was entweder “der Ort, wo die Taeler sich treffen” oder “der windige Ort” bedeutet. Beide Theorien sind plausibel – in Keremeos, speziell am Flusstal, herrscht die meiste Zeit ein starker Ostwind, der sich ab und zu sogar zum Sturm entwickelt.

Wenn nicht gerade das Wetter verrueckt spielt, ist Keremeos eigentlich ein sehr ruhiger Ort. Die meisten Einwohner sind zugezogene, aeltere Menschen ueber vierzig. Ab und zu sieht man ein paar Biker im Red Bridge Pub auf ein Bier absteigen. Diese Kleinstadtidylle wird durch die Picker im Sommer ziemlich aufgemischt. Dann verwandelt sich der Pub jeden Mittwoch abend in eine regelrechte Party, zur “Wings Night”, Haehnchenfluegel fuer 2,50 Dollar beim Kauf eines  Biers. Und wenn nicht gerade Wings Night ansteht, sieht man sie dennoch ueberall, die Picker: in der Bibliothek fuers Internet, im K-Cafe oder im Park, dem Pine Park.

Die Ernte

Die Kirschenernte beginnt sehr frueh im Sommer, bereits Mitte bis Ende Juni. Dies faellt in Kanada genau in die Semesterferien, daher ist es das “Cherrypicking”, was am populaersten ist, speziell fuer Schueler und Studenten; so populaer, dass mittlerweile auch viele von weit her angereits kommen, um etwas Geld zu machen, speziell auch aus Europa. Die meisten “Picker” sind jedoch nach wie vor french-canadian, also junge Leute aus Quebec. Englischsprachige Kanadier sieht man beim picken recht selten, der Grund ist, dass sie eher im “Treeplanting” arbeiten, also Baeume pflanzen. Ungefaehr 80% der Kirschenpfluecker fahren also aus Quebec fuer den Sommer nach British Columbia. Es ist wirklich ein interessantes Phaenomen.

Diese “Picker” sind eine ganz eigene Spezies. Sie sind so etwas wie ein junges, lautes Wolfsrudel. Meist wurde ich auf franzoesisch angesprochen. Der gemeine Picker trinkt viel Alkohol, und arbeitet ungern. Nicht selten sieht man ihn in der Fruehstueckspause einen Joint rauchen. Er hat Praesenz und eine schallende Stimme, Dreads und schmutzige, zerrissene Kleidung. Er tritt meist in Gruppen auf, und faehrt ein klappriges Auto oder teilt sich einen personalisierten Hippie-Wohnwagen mit Freunden. Er hat kein Geld, und wenn er welches hat, gibt er es fuer billigen Alkohol, billige Chicken Wings am Mittwoch im Red Bridge Pub, oder Gras aus. Man koennte ihn als etwas “grob” bezeichnen, aber generell doch sehr freundlich, wie eben die Kanadier so sind.

Die Farmer

Die meisten Obstgaerten gehoeren den “East Indians”, also panjabischen Familien. Selten finden sich kanadische oder europaeischstaemmige Familien, die sich dem unsicheren Ertrag der Obstgaerten widmen. Wenige Minuten Hangel koennen eine ganze Ernte zerstoeren. Vor allem die Kirschen sind eine delikate Frucht. Regnet es in der Zeit kurz vor der Reife, und scheint daraufhin die Sonne, spalten sich die Kirschen aufgrund des auf der Kirsche gesammelten Wassers. Gespaltene Kirschen schmecken vollkommen gleich wie ungespaltene, doch landen sie auf dem Muell, weil keiner sie kauft. Und so faehrt der besorgte Bauer nach jedem kurzen Schauer mit einer grossen Blaseapparatur auf seinem Traktur durch den ganzen Kirschengarten und pustet die Kirschen trocken. Und sollte er fertig sein, und es regnet erneut, dann faehrt er eben noch einmal. Manchmal faehrt er die ganze Nacht, oder den ganzen Tag. Und manchmal, so wie dieses Jahr, spalten sich die Kirschen dann trotzdem. Und dann blaest er nicht mehr.

Die Arbeit

Und nun zum pfluecken selbst. Anstatt viel zu erklaeren, habe ich ein tolles Video gefunden, das zwar nicht von mir ist, aber wunderschoen zeigt, was Kirschen pfluecken eigentlich so ist.

So ganz romantisch wie im Film ist das picken jedoch nicht. Die meisten Picker sieht man mit Kopf- und Mundschutz, wegen der Pestizide. Diese werden ganz besonders dann spuerbar, wenn es gegen 10 Uhr heisser wird. Um 11.30 wird es dann zu warm fuer die Kirschenernte, weil die Fruechte zu leicht von den Stielen fallen. Man wird per Eimer oder Korb bezahlt, als Anfaenger schafft man zwischen 20 und 35 Eimern an einem Tag, je nach Baeumen und Groesse der Kirschen. Das sind ca. 50-70 Dollar am Tag, also 40-55 Euro fuer harte Arbeit. Erfahrenere Picker schaffen mehr, oft ueber 100 Dollar. Eine Quebequerin, 19 Jahre jung, schafft ueber 70 Eimer an einem Morgen, das heisst, ueber 175 Dollar. Ich machte gegen Ende der Saison durchschnittlich 50 Dollar innerhalb von 6 Stunden.

Der Campground

Der beruehmte Campground der Picker liegt 15 Minuten Fussmarsch von Keremeos Stadtzentrum enfernt, direkt am Similkameen. Das Campen dort ist vielleicht nicht von allen gern gesehen, aber unterliegt dem stillschweigenden Uebereinkommen zwischen den Bewohnern und den Pickern. Zu Hochzeiten campen dort geschaetzte 50-70 Picker, in ruhigen Momenten waren wir eine kleine Gruppe von vielleicht zehn. Der Campground ist ein interessantes Phaenomen. Es gibt keinerlei Service, also keine Toiletten, Duschen oder aehnliches, oder designierte Campingplaetze. Der lange Pickerbrauch hat dem Campground jedoch viel Leben eingehaucht, und man findet dort ueberall kleine Konstruktionen, ja fast Wohnzimmer, mehrere Zeltplaetze im Schutz eines kleinen Waldes… die “Landschaft” im Campground variiert zwischen Sand, Stein, Salbeibueschen und grasbewachsenem Boden unter Birken.

Ich bewohnte drei verschiedene Orte im Campground waehrend meines Aufenthaltes. Der erste benfand sich ziemlich nahe am Pfad zum Eingang. Dort stand ein orangener Stuhl, es gab einen Tisch aus Zementbloecken, und sogar einen Steinofen (sichtbar im Hintergrund)

Nachdem ich von meinem Trip nach Vancouver zurueckkam, war der Platz von jemandem anders belegt, und ich suchte mir einen neuen Ort, einen, den noch niemand zuvor bewohnt hatte. Ich fand eine kleine Anhaeufung von Sand etwa 5 Gehminuten vom Eingang entfernt, wo ich eine Feuerstelle grub und so eine Art Vorgarten vor meinem Zelt baute, wo ich auch in Ruhe Yoga praktizieren konnte. Hier ein Foto meines abendlichen Feuers.

Bereits in der Apfelernte (September): Selbstgepflueckte Aepfel zu einem heissen Apfel-Zimt-Dessert verkocht.

Der Fluss

Der Similkameen hat uns jeden Tag begleitet. Ob zum baden, waschen oder einfach nur zum Zeit verbringen. Nach 3 Monaten war es dann tatsaechlich der Fluss, von dem mir der Abschied am schwersten fiel.

Hier ein Link zu einer kleinen Anleitung, wie man seine schmutzigen Toepfe und Teller biologisch abbaubar waschen kann:

Natuerliches Geschirrspuelen

Der Aufstieg des K-Mountain

An einem schoenen Tag Ende August beschlossen Luke und ich, den K-Mountain zu besteigen. Dafuer mussten wir uns durch einen kleinen Pfad an den Obstgaerten entlangkaempfen, ueber Heufelder bis zu einem Eingang zum Fluss, wo wir ihn ueberqueren sollten.

Danach stiegen wir die Salbeibuschlandschaft hinauf, bis wir einen geeigneten Ort fuer die Uebernachtung fanden.

Der Schmuckverkauf

Neben dem Einkommen durch die Ernte verdienten wir, eine kleine Gruppe Artesanos unser Brot jeden Samstag auf dem Bauernmarkt in Penticton oder, je nach dem, an anderen Orten, wo wir unseren Schmuck verkauften, oder Strassenmusik machten. Exotischer Schmuck verkauft sich gut in einem teuren Staat wie British Columbia. Jeden Samstag verdienten wir daher bis zu 100 Dollar extra.

Tierwelt

Den jungen Schwarzbaeren, den ich im Campground gesehen habe, konnte ich leider nicht fotografieren. Er spazierte ca. 30 Meter entfernt an mir vorbei, ohne gefaehrlich zu wirken.

Eines Tages bekam ich Besuch von einem Reh in meinem Zuhause:

Jonas, unser Schlangenexperte, fing eines Tages eine ungefaehrliche Strumpfbandnatter die ich sah…

.. und eine gefaehrliche Klapperschlange:

Der Himmel ueber dem Similkameen

Das beste habe ich zum Schluss aufgehoben. Magische Himmelsfarben und Formen, Wolken und Regenboegen erschienen Tag fuer Tag ueber uns zu Anfang des Sommers oder nach Stuermen.

2 thoughts on “Keremeos

  1. Ganz toll, vielen Dank! Ich freue mich jedesmal richtig, wenn ich sehe, dass es eine Fortsetzung Deiner Reiseerlebnisse gibt, ich kann nur sagen: mehr davon ;)
    Super auch die Fotos und kleinen Videos. Viele Grüsse aus Berlin& take care!
    Sabine

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