Der Grund, warum ich selten und wenig schreibe, ist folgender: Waehrend ich unterwegs bin, im Fahrtwind, die Landschaft betrachtend, fuehle ich mich oft so sehr zur Poesie und zum Schreiben inspiriert, aber es ist mir unmoeglich, einen Stift zu benutzen – sobald ich aber im Internetcafe sitze, an einer laermenden Strasse, in einer lauten Stadt, umringt von piependen Spielautomaten, mexikanischer Handymusik und schnaufenden und schmatzenden Sitznachbarn habe ich meist nur die eine Inspiration: schnell diesen Ort wieder zu verlassen. Um diesem Dilemma zu entgehen, setze ich mich nun voellig durchgeschwitzt von einer langen Reise, ungeduscht und muede an solche einen Ort und tippe euch Teile meines Tagebuchs ab, versuchend, meine Sitznachbarn zu ignorieren. Es folgt die Story, wie ich Mazunte verliess. 25.4.-28.4.

“26.4. Ich sitze in zwei schwarz weiss gemusterte Wolldecken eingehuellt, und meine Nase tropft. Nach zwei Monaten heisser Meeresluft und trockener Steppe ohne einen Tropfen Regen oder Fluss, dringt nun die kuehle Feuchtigkeit, gemischt mit dem Duft von Pinien, in meine Lunge. Eine lange Reise habe ich hinter mir. Mein Kopf zaehlte zwei Tage, aber meine Seele vibriert von zeitlosen Veraenderungen, und ein heller Stern leuchtet im Zentrum des Sturms. Ich atme die Bergluft in einem Zimmer, welches schaebiger und doch uriger kaum sein koennte, dass es mich in eine andere Zeit versetzt. Am gestrigen Morgen verliess ich Mazunte nach 2 Monaten, ja sogar mehr, dass ich dieses Juwel an der Kueste Oaxacas mein Zuhause nennen konnte- obgleich ich es nie tat. Dennoch bin ich sehr dankbar fuer die Geschenke, die ich nun mit mir trage. Sahajananda! (Mein Meditationslehrer) Du hast mich mit einer Technik betraut, mit welcher ich nun immer und ueberall das finden kann, was meine Suche so lange angetrieben hat. Von nun an steht meine Reise einzig und allein unter dem Zeichen der Hingabe an den Moment und dem Vertrauen in das Leben selbst. Danke dir, dass du die fehlenden Teile meines Weltbild vervollstaendigt hast. 

Die letzte Nacht in Mazunte schlief ich auf dem Dach des Restaurantes Siddhartha, unter Palmen und Sternen,  himmlisch in einer warmen mexikanischen Aprilnacht. Ich erwachte noch vor den ersten Sonnenstrahlen, wie so oft in diesen Tagen, voller Frieden. Ich stieg die Treppe hinab zur Strasse und begruesste ein paar wenigen noch verbleibenden Menschen in Mazunte.  Die meisten Wahl-Mazunteños sind nach Ostern verreist. Ich schnappte meinen Rucksack und verabschiedete mich liebevoll von Eric, dem Besitzer des Siddhartha. Auf dem Weg zur Hauptstrasse kam mir Michal entgegen, eine Israelin, gute Bekannte und Heilerin. Sie entliess mich mit den Worten: “Sorge dich nicht um das Geld, und hab keine Angst”.

Ich holte meine Waesche in Pochutla (Pochutla ist die naechstgelegene 30 Minuten entfernte Stadt, wo wir Mazunteños Geld holen oder einkaufen) und durch eine Verirrung der Camioneta drehte ich eine letzte Runde, die mich noch einmal Mal von Puerto Angel durch Mazunte an die Bundesstrasse fuehrte. Ein letztes Mal durchfahre ich also den Ort, an dem ich so viel erlebte hatte. Wir passierten das Restaurant in San Agustinillo, wo ich eines Tages den netten israelischen Surfer Oren kennenlernte. Wir fuhren vorbei am El Neem, dem Yoga und Meditationszentrum, welches mein Leben veraenderte, und dem Restaurant gegenueber mit dem netten Besitzer, bei dem ich oft sass und Reis ass oder eine Kokosnuss schluerfte. Wir fuhren vorbei am Basketballplatz, wo damals, waehrend dem internationalen Zirkusfestival die Shows stattfanden, wir passierten das einzige Internetcafe, wo ich oft Bekannte traf und ein Eis ass, wir fuhren vorbei an den zwei Strassen die zum Strand fuehren, wo wir bei “Donde Rio” oder im “Sahuaro” bei dem netten Kanadier sassen, oder im Arquitecto oder im Siddharta, wo man immer bekannte und freundliche Gesichter sah. Und dahinter, da war der Pazifik, mal rau, mal weich, mal karibisch kristallklar, mal eiskalt- immer war es ein neues Erlebnis, schwimmen zu gehen, ja oft war es das Meer, das mir meine Lebensfreude zurueckbrachte. Dort am Strand sah ich auch taeglich meinen Lieblingsmazunteño, Fidel, in seinem Lifeguardanzug und seinen dunklen Augen, den leider irgendwann eine Spanierin mitgenommen hat. Nun war Mazunte leer, und es war Zeit zu gehen.

Da war noch eine Sache, die meinen Kopf beschaeftigte: Ich hatte noch einen Rucksack mit einigen Dingen in Chacahua, die ich dort vor Ostern gelassen hatte mit der Sicherheit, dass ich nur kurz Geld holen gehe – dieser Plan wurde zerschlagen, als ich ueber Ostern (Hier in Mexiko: Semana Santa, die heilige Woche und hoechste Saison des Jahres) im Balam Juyuk in Mazunte Arbeit als Aushilfe fand. Emiliano gab mir Unterkunft und zahlte mir 200 Pesos pro Tag. Der Plan war also, den Rucksack abzuholen, doch ich debattierte innerlich, da die Reise nach Chacahua mich einiges an Geld kosten wuerde, und ich eigentlich auch die Kueste endlich verlassen wollte. Unbewusst hielt ich daher einen Bus nach Puerto Escondido an, der mich naeher nach Chacahua brachte. Daraufhin fing ein innerer Kampf an, der den gesamten Nachmittag andauerte. Wo wollte ich hin? Die Freiheit kann manchmal so verwirrend sein…

Als es bereits Abend wurde in Puerto Escondido, kristallisierte sich San Jose del Pacífico als naechstes Ziel heraus, ein kleines Dorf in den Bergen von Oaxaca, das in der Regenzeit Ziel vieler Reisender ist, die magische Pilze essen moechten. Die Berge riefen mich seit Wochen zu sich, jedesmal wenn ich mit der Camioneta nach Pochutla fuhr, erhob sich die gigantische Sierra Madre im Norden und wollte erklommen werden. Ich beschloss also, die Nacht in Puerto Escondido zu verbringen und am naechsten Morgen im Tageslicht aufzubrechen. Ich lief zum Hostel Shalom, dass ich noch von vor 6 Jahren kannte. Mittlerweile schien jedoch der Besitzer gewechselt zu haben, und die Uebernachtung kostete nun 150 Pesos. An der Hostelbar sass eine Mexikanerin namens Natania, die ebenfalls mit begrenzten Mitteln reiste, und wir teilten kurzerhand ein Taxi an den Zicatela Strand, wo ich ein Hostel fuer 50 Pesos pro Nacht kannte. Natania war auf der Heimreise, und sie kam gerade aus den Bergen, aus San José del Pacifico. Sie erzaehlte mir von einem Ort namens El Refugio, ca. eine Stunde vom Dorf entfernt, ein Ort, den eine Deutsche zusammen mit ihrem Ehemann leitete. Sie sagte, dies sei ein ganz besonderer Ort, und ich sollte ihr einen Besuch abstatten. Ich nahm mir dies also als Ziel vor. Wir schauten den Sonnenuntergang an und gingen schlafen (Hostel Mondala, 50 Pesos, nettes Ambiente).

Es wird kuehler auf 3000 Metern. Ich sitze auf dem grossen alten Bett, nur durch eine Zimmerwand aus Holzbrettern und einem Wellblechdach vom Wald getrennt. Es ist halb elf, und gerade ist Ruhe von nebenan eingekehrt, wo die Familie mit ihren Kindern fernsah. Nun hoere ich nur noch die Grillen und einen schweren Lastwagen in der Ferne.

Das Bett war unbequem, und die Moskitos stachen mich, als ich um 4 Uhr frueh erwachte und spontan beschloss, doch wegen meiner Sachen nach Chacahua zu fahren. Das hiess, ich musste sehr frueh los, wenn ich am selben Tag noch in San José ankommen wollte. Ich fuhr um 7.30h mit dem Colectivo von Puerto Escondido nach Zapotalito (siehe Beitrag ueber Chacahua), und, wie gehabt, mit Taxi, Boot und Camioneta zu meinem Kumpel Pablo. Da die Uhren in Cacahua nicht auf Sommerzeit umgestellt werden, fuhr die naechste Camioneta bereits in wenigen Minuten zurueck, und ich stellte wahrscheinlich den Rekord des kuerzesten Besuches Chacahuas auf. Pablo war ebenfalls auf dem Weg hinaus, nach Rio Grande, der naechstgroesseren Gemeinde. Dort lud er mich zum Fruehstueck ein, und erzaehlte mir von seinen neuesten Projekten: zum Beispiel, dass er endlich finanzielle Unterstuetzung des Landes fuer die Muelltrennung erhaelt, fuer welche er seit Jahren in Chacahua kaempft. Ich versprach ihm, irgendwann wieder zurueckzukommen, und einen eigenen Bericht zu veroeffentlichen. Dieser Ort ist es einfach wert.

Nachdem ich Pablo verabschiedet hatte, war der Moment endlich gekommen: meine neue Freiheit war fast greifbar. Die naechste Huerde, die zu ueberwinden war, war der Transport. Bisher hatte ich mich nicht getraut zu trampen, und hatte immer die guenstigen Combis oder Colectivos genutzt. Meine Freundin Chandler erzaehlte mir jedoch eines Tages, wie sie in Thailand immer auf die Pick Ups aufgesprungen ist. Mexiko ist voll von Pick Ups und dies war eine exzellente Moeglichkeit fuer mich, unabhaengig, kostenlos und um einiges spannender zu reisen. Und dann, in der heissen Mittagssonne, war es so weit: Gleich der erste Pick Up nahm mich mit bis Puerto Escondido. Ich machte es mir im Laderaum bequem, legte mich auf meinen Rucksack und liess mir Wind um den Bauch pusten. Wenn mich nun jemand fragte: Ist das nun dein Traum, der in Erfuellung geht? wuerde ich antworten: ja und nein. Schaue ich nach draussen, ist er es. Aber ich habe dennoch immernoch eine groessere, weitere Vision. Und der Moment, einen Traum zu leben und gleichzeitig noch einen schoeneren zu haben, bedeutet Abenteuer.

27 .4. Ich sitze zwischen meterhohen Pinien, die dort oben die Sonne zu suchen scheinen und ich geniesse die Luft, die mir im Gebirge Oaxacas so viel “atembarer” scheint als die schwere, von Hitze beladene Luft der Kueste. Klarheit und Stille erfuellt mich.

Von Puerto Escondido nahm ich aus pragmatischen Gruenden den Bus zurueck nach Pochutla. Schon jetzt war die Strecke, die ich oft befahren hatte, eine andere: Nun war sie ein Teil der Reise in die Freiheit. Ich liess mich an der ersten Abzweigung nach Oaxaca absetzen, und lief jene kaum befahrene Strasse entlang. Ab jetzt war alles neu.
Mit dem Pappeschild, dass ich in Chacahua gefunden und im Bus beschriftet hatte, in meiner Hand, stand ich am Strassenrand (und hielt den Daumen raus aus meiner Hand, yo) und sah, wie ein Vater hier seinen viel zu  jungen Sohn auf dieser leeren Strasse fahren ueben liess. Dies bestaerkte nicht gerade meine Hoffnung, dass hier besonders viele Autos vorbeifahren wuerden. Nachdem das Auto schlangenlinienfoermig mein Sichtfeld verliess, wurde es totenstill. Ich war nach einer Weile ueberzeigt, dass kein Auto jemals wieder vorbeifahren wuerde, und machte mich auf den Weg zurueck. Dort kamen mir dann doch gleich 3 Fahrzeuge entgegen:  der letzte Wagen, ein Pickup mit Kokosnuessen beladen nahm mich bis zu einem Ort namens San Jose Chacalapa mit. Mein Herz erfuellte sich, bereits nach 15 Minuten ging es bergauf, und ich meinte sogar, dass es kuehler wurde. Ein paar Wolken sammelten sich am Himmel. Es war ca. 15 Uhr.

Ich liege unter dem Schraegdach aus Holz der “Ecovillananda” in San Sebastián, einem Nebendorf San Josés, waehrend ich dies schreibe. Nachdem ich nach mehreren Stunden schoener, aber anstrengender Wanderung das Refugio erreicht habe, entpuppte es sich als christliches Drogentherapiezentrum. Die Bewohner hatten also nicht ohne Grund eine sonderbare Energie. Alles ging ziemlich schnell, Doña Ela, die Deutsche, nahm mich mit nach San Sebastián, wo sie und einige der Jugendlichen eine kirchliche Konferenz besuchen wuerden. Ich liess aber mein Gepaeck dort, was ich bald bitter bereuen wuerde. Anstatt mit zur Konferenz zu kommen, fluechtete ich mich in die Ecovillananda, von der ich bereits vor laengerer Zeit von einer portugiesischen Surferin gehoert hatte, die ich in Chacahua kennengelernt hatte. Als ich das Haus fand, traf ich dort auf Enrico, einen netten Italiener, welcher momentan der einzige Bewohner war. Ecovillananda (EVA) ist eine “Ecoaldea”, zu deutsch Ökosiedlung. Also eine Gemeinschaft, wo sich gleichgesinnte Zusammenfinden, um oekologisch, nachhaltig und in bewusstem Umgang mit der Natur zu leben. 

Enrico vom EVA war sehr nett, zeigte mir das Haus und den Garten, lud mich zum essen ein, wir machten Couscous, und als die Christen ohne mich zurueckgefahren waren, gab er mir auch einen Schlafplatz. 

In San José Chacalapa hatte ich erstmal etwas Muehe, weiterzukommen. Die wenigen Pickups hielten nicht fuer mich. Nach einer Weile beschloss ich, ein Stueck zu laufen, und dabei die Berge zu bewundern, die um mich herum nun erschienen. Binnen kuerzester Zeit kam ein offener Wagen mit rund 6 Mexikanern vorbei, die anhielten mit dem Ruf “Vamonos!” (Los gehts!). Ich stieg hinzu und die Jungs stellten sich als freiwillige Feuerwehr heraus, die auf dem Weg zu einem Waldbrand waren. Ihr Werkzeug: Macheten, Harken, Heugabeln. Nach ca. 15 Minuten hatten wir Sicht auf den Brand, der mehr oder weniger gefaehrlich aussah. Auf einer Anhoehe hielten wir an, und einer der Mexikaner liess sich nicht davon abbringen, mir eine weitere Mitfahrgelegenheit zu organisieren. Das naechste Fahrzeug, das vorbeifuhr, war ein riesiger Laster, ohne Ladung, aber mit Anhaenger. Der Señor nahm mich mit, er war unterwegs nach Oaxaca. Wir sprachen nicht viel, er war damit beschaeftigt, ein enormes Fahrzeug durch eine der kurvigsten Stecken Mexikos zu fahren. Wir waren zwar nicht schnell, aber konstant, und gegen 18.30 kam ich in San José an.

28. 4. Nun sitze ich eingemummelt im Bett, um halb 10 morgens. Ich bin zwar erleichtert, nach der grossen Enttaeuschung des Tages, im Refugio, dennoch bin ich nicht ganz sicher, ob ich in der EVA bleiben will. Es ist kalt. Ich habe seit 4 Tagen nicht geduscht, denn so lange bin ich bereits unterwegs. Mine Sachen liegen 2 Stunden Fussmarsch entfernt, an einen Ort den ich lieber nicht noch einmal betreten moechte. Ich fuehle mich erschoepft, alleine. Und eigentlich moechte ich nur Stille.

Fortsetzung

2 thoughts on “Abenteuer San José Teil 1 – Der Weg

  1. Dein letzter Bericht ist wieder außerordentlich toll geschrieben, obwohl man sich beim Lesen noch ein paar Details genauer beschrieben wünschen würde, wie z.B. Gepäck, Rucksack, vielleicht auch Kleidung. Aber die Stimmung in der Landschaft und in den Unterkünften kann man sich sehr gut vorstellen.

  2. hast spannend geschrieben kleiner abenteurer. jetz hast mich n bissl angezündet, würd gern lesen was du noch so erlebt hast…enjoy and take care :)

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