Gegen 18.30h kam ich an Be’er Sheva ‘s Universitaet an. Durch landesuebliche Hektik und die Tatsache, dass mein Rucksack von anderen Gepaeckstuecken tief in das Businnere gedraengt worden war, kroch ich weit hinein und zog an den Haltern meines Rucksacks, wodurch die untere Polsterung riss. Unter lautem Fluchen schaffte ich es dann doch, meinen Rucksack zu befreien. Dabei musste ein kleinerer, vorne liegender Rucksack herausgefallen sein. Die Gepaecktuer schloss sich bereits, als ich gerade mal meinen Kopf herausgezogen hatte und schon war der Bus verschwunden. Ich entdeckte den herrenlosen Rucksack und fluchte erneut, tauschte mich mit den anderen Leuten aus, die ausgestiegen waren, und ein junger, vielleicht 14jaehriger Junge nahm den Rucksack an sich und nahm den naechsten Bus, um ihn zurueckzubringen.

Nachdem nun diese Huerde genommen war, rief ich Ron an, welcher wenige Minuten spaeter gutgelaunt hinter mir auftauchte. Er trug meinen Rucksack und wir liefen einige Meter bis zu seinem Appartment in der Ringelblum Strasse. Er wohnte in einem gemuetlichen Studentenappartment mit zwei Mitbewohnern, Johnathan und einem Maedchen, dass ich kaum zu Gesicht bekam.

Von Tel Aviv kommend, nahm mich die Entspanntheit und Ruhe der Stadt sofort ein, und ich hatte das Gefuehl, besser atmen zu koennen. Die ersten Stunden schwebte ich auf einer gluecklichen Wolke, und liess mich treiben. Nachdem Ron mir einige Lieder auf seiner Gitarre vorgespielt hatte, gingen wir zu einem nahegelegenen “Einkaufszentrum”, was in Be’er Sheva bedeutete: Ein Supermarkt, ein Kiosk, ein Sushi Restaurant und einige Marktlaeden. Es war definitiv eines der duesteren Teile der Stadt und es ist nicht empfehlenswert, sich dort nachts zu lange aufzuhalten.

Be’er Sheva ist eine fast reine Universitaetsstadt. Die sonst langweilige Hauptstadt der Wueste wird duch die ca. 20.000 Studenten aufgepeppt, und es gibt doch ein, zwei gut besuchte Bars pro Nacht. Man hatte mich jedoch ausfuehrlichst gewarnt: Ausser diesen gibt es in Be’er Sheva wahrlich nichts zu sehen oder zu tun. Doch das war in Ordnung – an jenem Abend gingen wir mit Ron’s Freundin Bar (das ist ihr Name) in die nahgelegene Bar “Publo”, die etwas versteckt auf der Hauptstrasse (Rager) liegt. An diesem Abend fehlte es mir wirklich an nichts. Es sollte sogar noch besser kommen: Weil Ron bei seiner Freundin uebernachtete, durfte ich in seinem Zimmer, in seinem Bett schlafen, anstatt im Wohnzimmer.

Am naechsten Tag liess ich es ebenfalls ruhig angehen. Ron und ich kauften ein, und ich kochte ein leckeres CousCous-Gericht fuer uns, meine Spezialitaet. Gegen Nachmittag machte ich einen kleinen Spaziergang, ueberquerte eine Bruecke und fand eine merkwuerdige Szenerie aus Wueste, Gleisen und Muell… einige Meter dahinter erstreckte sich ein etwas edleres Neubauviertel, dass ich durchstreifte, dann zurueckkehrte und mir den Sonnenuntergang inmitten der erwaehnten Szenerie ansah. Dies hatte nichts von Schoenheit, noch von Natur, sondern eher eine abstrakte, surreale Note, schwer einzuordnen, und sicher nichts, was zu irgendeinem Zweck zu gebrauchen waere, ausser vielleicht ein Einkaufszentrum oder einen Parkplatz auf gelbweissem Wuestenboden zu errichten.

Die Szenerie, die Sinnlosigkeit dieses Ortes machte mir bei meiner Rueckkehr mehr zu schaffen als ich glaubte, ist sie doch das absolute Gegenteil dessen, nach was ich suche. Nirgendwo schien die Natur mir ferner zu sein als an diesem Ort. Deprimiert und versteinert fing ich an, mir Sorgen zu machen. Wo sollte ich nun hin? Ich konnte des Weg nicht sehen. Ich hatte das Gefuehl, ich waere am falschen Ort gelandet, verloren in der vertrockneten Wueste aus Plastikstuehlen und humpelnden Hunden. Auch der Sonnenuntergang hinterliess nur Staub in meinen Augen. Siehe da – meine erste handfeste Krise. Denn der uerspruengliche Plan war, das Rainbow-Treffen aufzusuchen, doch ich schaffte es einfach nicht, mich alleine an den Strassenrand zu stellen und zu trampen, an einen unbekannten Ort in der Wueste zu gehen ohne zu wissen ob dort noch jemand war, da das Festival eigentlich fast zuende war. Andere Ideen, wie der Ashram, waren zu teuer. Die letzte Idee war Mitzpe Ramon, ein kleines Dorf im Negev mit Blick auf einen Krater: nach einigen Recherchen fanden wir ein Hostel, das auch einen Raum fuer Couchsurfer hat. Ron rief die Besitzerin an, die jedoch meinte, ich muesse einen normalen CS Request schreiben. Da aber Ron gestresst mit seinen Studien war, verschob ich das auf spaeter.

Ron versuchte mich aufzumuntern und ueberredete mich, mit zu einem Shabbat Dinner zu Freunden zu kommen. Ich sagte zu, und wir hatten ein gutes Gespraech auf dem Weg, jedoch hatte ich, beim Freund Roy angekommen, weder Lust zu kochen, zu essen, noch Bier zu trinken. Ueberraschenderweise war das Essen dann doch sehr sehr lecker, es gab Linsen, Reis mit Rosmarin, Tchina und Salat. Ein weiterer Gast brachte suesses jemenitisches Brot von seiner Mutter mit, welches alle gierig verschlangen; ich jedoch musste zugeben, dass alles unfassbar lecker war, aber wenn es um Brot geht, habe ich nie ein besseres gegessen als in Deutschland. Hier uebrigens eine schoene von Ron handgemachte Stadtkarte von Be’er Sheva: Mehr braucht man nicht

Nach dem Essen verzog ich mich an den Computer des Gastgebers und schrieb eine Anfrage an die Frau des Hostels in Mitzpe Ramon, und verfasste einen weiteren Blogeintrag. Danach gingen wir noch in eine Bar namens “Coca”, die an diesem Freitag abend doch sehr gut besucht war. Ich trank einen warmen Cider mit Rotwein fuer 20 Schekel. Sehr empfehlenswert in einer kuehlen Wuestennacht.

Im Coca: Ich, Bar und Oded, den ich aber Moritz nenne, wegen seiner Aehnlichkeit mit Moritz Bleibtreu. :) Man sieht mir meine Muedigkeit laengst an. Dieses Mal schlafe ich im kuehlen Wohnzimmer auf dem Sofa. Ich merke, dass die Gastfreundschaft bald zu Ende sein wird. Am naechsten Tag bleibe ich zu Hause, obwohl ich zum Humus machen eingeladen wurde. Ich schreibe Nachrichten an bekannte und unbekannte, poste im Couchsurfing Forum, rufe meinen Naturfreund Or an.

Die Universitaet in Be’er Sheva zeigt jeden Shabbatabend einen Film, den wir uns (Ron, seine Freundin Sunshine und ich) bei dieser Gelegenheit ansehen: Almodovars “La piel que habito”. Dass in einer Uni abends Popcorn verkauft wird ist fuer mich etwas neues, dass nach einer Stunde eine kurze Pause eingelegt wird auch, aber das krasseste sollte erst noch passieren: An einer ziemlich spannenden Stelle des Films faegt ein Maedchen aus dem Publikum ploetzlich panisch an zu schreien: Innerhalb einer Sekunde (ungelogen!) war der Film aus, das Licht an, und die Haelfte der Leute war aufgesprungen um zu sehen was passiert war. Scheinbar ist der Freund der panischen Ruferin umgekippt. Bald wurde klar, dass es nichts ernstes war, aber jeder hatte einen mittelgrossen Schreck davongetragen. Der Kerl wurde vom Kopf der medizinischen Fakultaet betreut, und wir wurden aus dem Hoersaal gebeten und bekamen warmen Tee angeboten (unglaublich, was die Menschen hier als “kalt” empfinden, zwar in Socken und Sandalen aus dem Haus gehen, aber dann bei 14 Grad anfangen zu erfrieren, lustiges Volk). Nach ca. 20 Minuten, nachdem die Security scherzend hereinlief und fragte, ob alles gut ist und alle noch atmen, wurde der Film zuende geschaut.

Meine Posts, Anrufe und eMails haben auch etwas gebracht: Fuer Sonntag habe ich das kostenlose Zimmer im Hostel von Mizpe Ramon, und ein polnisches Maedchen namens Maja, das in Berlin wohnt hat mich angeschrieben, dass sie ebenfalls noch 2 Wochen in Israel ist und Lust hat, sich mit mir zu treffen. Or hat mich eingeladen, Oliven zu pfluecken und wird sich die naechsten Tage nochmal melden. Doch erstmal geht es nach Mizpe Ramon, wo man mir einen 40 Kilometer breiten Krater versprochen hat. Ob das wohl stimmt? Es macht mir Spass, diese Dinge nicht einfach zu googeln, sondern selbst nachzusehen. Je weniger Ideen man von einem Ort hat, desto ueberraschter ist man am Schluss.

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